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Philip Roth: Jedermann

24.08.2006

Leben & Tod eines männlichen Körpers
Philip Roth erschreibt sich seinen “Jedermann”

Der dreiundsiebzigjährige Philip Roth hat über viele männliche Helden geschrieben - nur nie über einen “Jedermann” . Jetzt aber hat er es getan: in seinem jüngsten schmalen Roman, der - wie schon “Das sterbende Tier“ - eher einer längeren Erzählung gleicht . Unverkennbar ist das Altersprosa, lakonisch, hart - aber auch zuletzt sentimental.

 

Ein christliches Mysterienspiel, wie der neukatholisch von Hugo v. Hofmannsthal aufgemöbelte alljährliche Salzburger “Jedermann”, hat ja wohl keiner von Philip Roth erwartet. Aber der amerikanische Schriftsteller, der den europäischen Stoff aus der englischen Literatur kennt, wo der leibhaftige Tod den Menschen antritt und von ihm wissen will, ob er durch seine guten Taten zu retten sei, hat sich nun seinen eigenen “Jedermann“ erschrieben: den eines atheistischen amerikanischen Juden. Ein “Heimspiel” also; ein “Endspiel” auch?

In Philip Roths “Everyman” gibt es keinen gnädigen (christlichen) Gott, der dem jüdischen Jedermann am Ende seines irdischen Lebens das ewige Leben schenkt. Nichts da! “Er war nicht mehr, befreit vom Sein, ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er es befürchtet hatte von Anbeginn”. Von Anbeginn heißt: dass wir geboren werden, um zu leben - aber sterben müssen. Das ist der “Skandal”, wie Elias Canetti seinen lebenslangen absurden Protest gegen den Tod nannte.

Philip Roths Erzählung vom über siebzigjährigen “Jedermann” beginnt mit dessen Beerdigung - “eine von wohl 500 an diesem Tage“; und auch das Ensemble von Personen, das sich um das Grab auf dem “heruntergekommenen” jüdischen Friedhof in der Nähe von New York eingefunden hatte, mag mehr oder weniger das gleiche gewesen sein: frühere Arbeitskollegen (aus der Werbung), Mit-Senioren aus der Siedlung, wo er zuletzt (allein) gelebt hatte, sein älterer Bruder Howie, seine Söhne aus seiner ersten Ehe, seine zweite (auch von ihm geschiedene) Ehefrau Phoebe und deren Tochter Nancy, die ihm zuletzt am nächsten war; und “eine korpulente Frau mit freundlichem Gesicht und roten Haaren“: Maureen, eine private Krankenpflegerin, die sich nach seiner Herzoperation um ihn gekümmert hatte. (Mehr erfahren wir nicht von ihr; aber sie hat ihn wohl uneigennützig gemocht.)

In dieser Ouvertüre des schmalen Romans übernimmt es Nancy, die im Gegensatz zu seinen beiden Söhnen (die ihm die Trennung von ihrer Mutter nie verziehen hatten) ihren Vater geliebt hat, die Wahl des abgelegenen Friedhofs zu rechtfertigen: Auf der mittlerweile verwahrlosten Grabstätte sind sowohl ihre Urgroßeltern bestattet, die zu den Gründern der Ende des 19. Jahrhunderts angelegten Grabstätte für jüdische Einwanderer zählten, wie auch ihre Großeltern; und sie wollte, sagt sie, dass der Vater bei denen sein sollte, die ihn liebten, damit er nicht allein sei.
Dann spricht Howie, der lange bewunderte, später beneidete ältere Bruder, dem immer fit & gesund alles im Leben gelungen ist - und Howies warmherzige Grabrede präludiert in Anspielungen und Stichworten, was Leben & Sterben seines jüngeren Bruders ausmachte: Das frühe Glück in der Familie des väterlichen Schmuckhändlers, der in einem Armenviertel mitten in der Depression 1933 (in Roths Geburtsjahr) ein Uhren- und Diamantengeschäft eröffnete, damit er “seinen beiden Buben etwas hinterlassen konnte”; und wie sehr es der Verstorbene doch als kleiner Junge geliebt hatte, mit den wertvollen Diamanten in der Jackentasche nach Newark zu fahren, wo sie auf des Vaters Anweisungen gefasst wurden. Danach: berufliche Karriere, gescheiterte Ehen, Krankheiten und Einsamkeit.

Der 73jährige Philip Roth setzt mit Howies Bericht über “den Kern des Lebens meines Bruders als guter kleiner Junge” jene erzählerische Mythologisierung des “einfachen”, bescheidenen & tapferen Lebens kleiner Leute im New York der Dreißiger Jahre fort, der er zuletzt ausführlicher und mit der gleichen Liebe in dem Roman “Verschwörung gegen Amerika” nostalgische Kränze gewunden hatte.

“Durchschnittlichkeit” als Ziel

Sein jüdischer Jedermann ist ein “durchschnittlicher” Amerikaner, der es als Art- & später Creative-Director zu etwas gebracht hat, ein Aufsteiger, der seine möglichen künstlerischen Talente zugunsten der von den Eltern gewünschten Berufskarriere hat verkümmern lassen und erst jenseits der Pensionsgrenze als Hobbymaler sie aktivierte.

Auch sein erotisch-sexuelles Leben ist sonderlich auffällig nicht. Seine erste Ehe entwickelte sich, obwohl er “alles darum gegeben hätte, dass sie ein ganzes Leben lang hielt”, nach der Geburt der zwei Söhne, zu seiner “Gefängniszelle” mit einer zänkischen Wärterin. So machte er sich “unter qualvollem Hin- und Her daran, sich einen Fluchttunnel zu graben. Würde es nicht jeder Durchschnittsmensch genauso machen? Machte es sich nicht jeder Durchschnittsmensch genauso?“

Keineswegs, memoriert der Erzähler Roth in der “erlebten Rede” im Sinne seines Jedermann, habe dieser “nach uneingeschränkter Freiheit gehungert”, um “alles und jedes tun zu können”, wie seine missgünstige Frau über ihn in der “Schmach eines langwierigen Ehekriegs” wahrheitswidrig behauptete. Sein “Hunger nach dem Beständigen” kann er - auch diese Wendung wird von Roth als durchschnittlich, wenn nicht sogar fast “repräsentativ” angelegt - mit einer jüngeren, neu eingestellten Arbeitskollegin stillen. Es ist Phoebe, eine Quäkerin, die ihn liebte und mit der er seine wohl glücklichsten Tage als Urlauber an der Küste Neuenglands verbrachte und mit der er seine Tochter Nancy zeugte. Wenn auch in dieser Ehe im Laufe der Jahre das gegenseitige Begehren erlosch, so hat Jedermann doch erst spät Phoebe mit einem blutjungen dänischen Model betrogen, darauf die empörte Phoebe verloren, das junge Mädchen geheiratet und sich bald wieder scheiden lassen, weil sie als Partnerin seines Alters fehl am Platze war.

Mag sein, dass der Rothsche Jedermann, trotz dieses durchschnittlichen erotischen Lebenslaufs, seine “Frauen” ziemlich egozentrisch sieht - wie oft im Oeuvre dieses männlichen Erotikers; aber böswillig & egoistisch ist er nicht.

Aber darum geht es Philip Roth in diesem Roman nicht, der literarisch eher einer klassischen Novelle gleicht. Der Atheist als Autor & Jedermann sieht sich im gefährlichen Alter radikal mit dem Tod konfrontiert. Es heißt, der Tod des verehrten väterlichen Freunds Saul Bellow habe ihn zu dieser Reflexion über das auch eigene, absehbare Hinscheiden provoziert - und die Frage, was von einem menschlichen Leben bleibt, wenn man es rückblickend Revue passieren lässt: als alter Mann. Denn “Jedermann” ist radikale Altersprosa, gnadenlos in der Benennung des physischen Verfalls in das “Anderssein”.

“Leben” ohne religiösen Beistand oder Trost heißt für den Autor & sein alter ego: die reine physische Existenz und deren Empfindungen; Glück: körperliche Erfüllung in Gesundheit, Zuneigung und sexueller Lust. Deren Bedrohungen sind Krankheiten; und deren irreversible Rücknahme: Tod.

Als Jedermann, der das eigene Alter und das der um ihn dahinsterbenden Kollegen & Bekannten nicht bloß als einen Kampf, sondern als ein “Massaker” erlebt, sich einmal überlegt, ein Buch zu schreiben, hat er den Titel dafür schon parat: “Leben und Tod eines männlichen Körpers”. Da hat ihm Philip Roth aber zuviel zugetraut: sein Jedermann wäre dazu weder fähig, noch käme er auf diesen Titel, den der große amerikanische Romancier seiner zutiefst melancholischen Novelle hätte geben können, wenn er sie nicht “Jedermann” genannt hätte.

Krankenakte als (Über)Lebensspur

Leben als Annäherung und temporäre Entfernung vom Tod: das ist die erzählerische Versuchsanordnung des Rothschen “Jedermann”, diese existenziellen Ups & Downs sind die Stationen auf dem Weg seines mittelmäßigen Helden zu dessen Tod: die Krankenakte als Lebensspur.

Schon als Neunjähriger gerät er wegen einer Bruchoperation in Todesnähe: der Junge neben ihm im Krankenzimmer stirbt, wie er ahnt. Rund 25 Jahre später springt Jedermann - Blinddarmdurchbruch, Bauchfellentzündung - dem Tod zum erstenmal von der Schippe, 22 Jahre später ist es eine Herzkranzverengung, die er übersteht; dann folgen in immer kürzeren Abständen die medizinisch abgewährten Angriffe des Todes auf seinen Körper, der mittlerweile “zu einem Lagerhaus für künstliche Gerätschaften geworden ist, die den endgültigen Zusammenbruch hinauszögern helfen sollen” - bis er zuletzt aus der Vollnarkose, die er eine Operation zuvor noch abgelehnt hatte, nicht mehr erwacht.

Roth, der Erzähler, rekapituliert das Leben seines Jedermann nicht chronologisch, sondern gleitend, zwischen den Zeiten changierend, wie in einer rückblickend-assoziative Erinnerung. Ostinat werden in dem Erzählgeflecht dessen bestimmende Motive & Orte eingeflochten: Glück, Krankheit, Friedhof, Operationssaal, Unvergänglichkeit und Sterben.

Denn dieser “Citizen Everyman” leidet unter der Unversöhnlichkeit & Borniertheit seiner Söhne, die er mit einem Fluch verabschiedet; er erkennt, dass er in Phoebe die wirkliche Liebe seines Lebens durch eigenes Verschulden verloren hatte; dass der orthodoxe Ritus, mit dem sein Vater beerdigt werden wollte - die Angehörigen schaufelten selbst die Erde über den Sarg, bis das Grab voll war - ihm abstoßend barbarisch erschien und dessen erdige Endlichkeit in brutalem Gegensatz zu jener “Unvergänglichkeit” steht, die der Vater einst seinen Söhnen vor Augen stellte, wenn er von den Diamanten sprach, die ein Mann seiner Frau schenkt: “Denn jenseits von Schönheit und Status und Wert ist ein Diamant unvergänglich. Ein Teil der Erde, der unvergänglich ist, und eine bloße Sterbliche trägt ihn an ihrer Hand!“

Die “Unvergänglichkeit”, die früh in Jedermanns Leben auftaucht und als Verlangen nach “Beständigkeit” & Dauer ihn schattenhaft in seinem ehelichen Leben begleitet, kehrt später wieder - nicht nur, wenn er seiner dänischen Geliebten in Paris Diamanten schenkt (und sie, wie sein Vater, mit der Lupe begutachtet), sondern auch beim späten, letzten Besuch am Grab seiner Eltern.

Metaphysik mit elterlichen Knochen

Kam Hamlet beim Anblick des ausgegrabenen Schädels des Spaßmachers Yorick über die Vergänglichkeit des Menschen ins Sinnieren, so wird Philip Roths Jedermann beim Blick auf die Grabstätte der Eltern von Tränen überwältigt bei der Vorstellung, dass “die beiden nur noch Knochen waren”- aber (& so beginnt die erstaunliche Wendung Jedermanns in die familiale Sentimentalität): “ihre Knochen waren seine Knochen, und er ging so dicht wie möglich an diese Knochen heran, als könne ihn die physische Nähe mit ihnen verbinden und seine aus dem Verlust der Zukunft entstandene Isolation lindern und ihn wieder mit allem vereinen, was verloren war”.
Nicht die Erde, wie´s im Faust heißt, sondern “die Familie hat ihn wieder”.

Mehr noch: “Zwischen ihm und diesen Knochen ging sehr viel vor, vielmehr als was sich mittlerweile zwischen ihm und denen abspielte, deren Knochen noch mit Fleisch bekleidet waren. Das Fleisch schmilzt dahin, aber die Knochen bleiben”, fährt Philip Roth im hohen biblischen Ton fort: “Die Knochen waren der einzige Trost für einen, der nicht an ein Leben nach dem Tode glaubte und ohne jeden Zweifel wusste, dass Gott eine Erfindung war und dieses Leben das einzige, das er haben würde”.

Waren es denn aber nicht die Knochen, sondern Fleisch & Geist, die “dahingeschmolzen sind”, welche ihn einst beglückten, wird man sich fragen dürfen. Sind nicht gerade die Knochen, die nur für eine Weile das Fleisch überdauern, der höhnischste Widerruf dessen, was seine Sehnsucht in seiner Verlassenheit wieder in seine Erinnerung rufen möchte: die Fülle des Lebens?

Der Atheist Roth ahnt, wie widersinnig der späte Knochenfetischismus seines Jedermanns als Lebenssinn-Stiftung einem vorkommen muss. Als wolle der Autor den Zweifel an diesem metaphysischen Rettungsanker übertönen, insistiert er darauf, dass sein Held “nicht das Gefühl (hatte), sich etwas vorzumachen. Er hatte nicht das Gefühl” wiederholt er verstärkend, “dass er versuchte, etwas wahr werden zu lassen. Das hier war die Wahrheit, diese intensive Verbundenheit mit diesen Knochen”.
Sie ist derart animistisch, dass der von seinen Emotionen Überwältigte die elterlichen Knochen im Grab, unter der Erde, anspricht: “Euer Kind ist einundsiebzig” und seine Mutter ihm von dorther lakonisch antwortet: “Gut. Du hast gelebt”, und die Stimme seines religiösen Vaters raunt ihm zu: “Schau zurück, tue Buße für alles, wofür du Buße tun kannst, und mach das Beste aus dem, was dir geblieben ist”.

Wer sich von diesem (für Philip Roth doch arg) faulen Zauber eines Zwiegesprächs nicht rühren lässt , wird sich fragen, ob die elterlichen Worte bewusst lachhafte Banalitäten oder die banale Summe des Lebens von Herrn Jedermann sein sollen. Oder der alte solipsistische Einsiedler in Connecticut es wirklich ernst meint. Aber vielleicht reicht es ja auch, dass der Ungläubige eine (knochentrockene) metaphysische Erfahrung gemacht hat - mit sich und seinem unstillbaren “Verlangen, dass sie alle noch lebten. Und dass er das alles noch einmal haben könnte”.

Philip Roths Jedermann, was immer er war, was aus ihm geworden ist und was er auch getan hat: er ist doch immer zuerst & zuletzt das Kind geblieben, das seine Eltern liebte - übers Grab hinaus & bis ins eigene Grab hinein.

Wolfram Schütte


Philip Roth: “Jedermann”.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Walter Schmitz,
C. Hanser Verlag, München 2006,
172 Seiten, 17.90 ¤

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