Zakes Mda: Der Walrufer
28.08.2006
Mann, Frau und Glattwal
Sein Vorgängerroman über die Madonna von Excelsior hat gerade erst die verdienten Lorbeeren eingestrichen, da legt Zakes Mda schon den Nachfolger vor und konzentriert sich, nicht zu seinem Nachteil, wieder auf einen charismatischen Protagonisten.
Es ist die klassische Ménage à trois, die im Mittelpunkt steht – Mann, Frau und Wal, genauer: Glattwal, wie sie vor der Küste Südafrikas als Naturphänomen und Touristenattraktion eben ihre Kreise ziehen. Der Verweis auf eine Ménage ist so verspielt nicht – die Grenzen zwischen Mensch und Tier bleiben in diesem Roman verschwommen und lösen einander auf, wenn der Walfänger in sein Horn bläst. Als unzufriedener Kirchenmusiker packt der Protagonist irgendwann sein Instrument, verlässt die Gemeinde und beginnt, den vorbeiziehenden Walen seine Rhythmen und Tänze zu servieren, und diese reagieren, scharen sich um ihn und antworten. Wenn Einsiedler mit Tieren reden, dann meistens mit Eichhörnchen oder Adlern – wie ungleich eindrucksvoller ist da diese Konstellation, in der der walrufende Schamane den Graben der Elemente überspannt und die Riesen-Säugetiere, nicht -Fische (wie er immer wieder betont) so weit wie möglich an Land holt, ohne sie gierig zu betatschen, wie es die Touristen aus ihren Booten tun. Sein Interesse ist, ganz selbstverständlich, ein romantisches, und ganz und gar kein simples naturromantisches. Nein, der Mann ist verliebt in einen Wal – er nennt ihn Sharisha – und erwartungsgemäß entstehen Konflikte (und Schuld trägt in diesem Fall wirklich nicht der Wal, der tut, was Wale eben tun, jahraus, jahrein – schwimmen, fischen, paaren, zeugen, gebären, weiterschwimmen), wenn zwischen zwei Parteien ungefähr 25 Meter, 60 Tonnen, ein Meer und, nun ja, eine Frau liegen, die dem Walrufer auf Schritt und Tritt folgt. Sie, Saluni, bearbeitet ihn hartnäckig, kann aber nicht verhindern, dass er statt mir ihr eigentlich lieber bei den Walen schlafen würde.
Keine Fetischgeschichte
Der Roman hat kein pathologisches Interesse: der Walrufer ist in seinen Wal verliebt, weil auch eine so absurde romantische Investition in seiner Realität möglich ist, in der „Mädchen wie Regenwürmer riechen“, und wenig anderes als diese erzählt die Geschichte. An keiner Stelle erscheint er als naiv, absonderlich, als der Freak, der er eigentlich ist. Mdas Welten haben reichlich Platz für Charaktere wie ihn, und die Gesetze der Wirklichkeit sind wieder einmal suspendiert und in die Ecke gestellt, wo er sie gern und routiniert unterbringt. Trotzdem schreibt er kein Märchen – es gibt eine Wirklichkeit außerhalb der bunten, verträumten Romantik des Walrufers: ein verarmtes Township etwa, das vom Waltourismus nicht profitiert und zusieht, wie die weiße Mittelschicht ihren neuen Luxus in entsprechenden Restaurants verprasst, evangelikale Fundamentalisten, die die neue Liberalität als moralischen Pfuhl empfinden und auf Anhängerfang gehen, inkompetente Politiker mit leeren Phrasen – die südafrikanische Gesellschaft in ihren weniger sympathischen Erscheinungsformen ist hier durchaus präsent, wenn auch nur als Exkurs. Der Walrufer nimmt sie nicht wahr, kann sie vielleicht auch nicht wahrnehmen, und so zieht ihm der Erzähler des Romans immer mal wieder die Geschichte aus der Hand und holt die Handlung in die Wirklichkeit zurück, um sie dort zu verankern. Dieses Vorgehen wirkt nur auf den ersten Blick unbeholfen, weil es scheinbar so gar keinen Bezug zur traumartigen Realität des Romans hat und weil der stilistische Bruch zwischen beiden Erzählebenen sehr deutlich und hart ist, verleiht der Handlung aber auf den zweiten Blick eine weitere Dimension. Der hornblasende Walrufer mag sich für seine Außenwelt – für unsere Welt also – kaum interessieren, aber entkommen kann er ihr auch nicht. Mda pflegt hier eine überzeugende Spielart des magischen Realismus, die in dieser Form nirgendwo sonst zu finden ist.
Daniel J. Gall
Zakes Mda: Der Walrufer. Deutsch von Peter Torberg. Berlin, Unionsverlag 2006. Gebunden. 282 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-293-00364-8
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