Kennzeichen T - 25.05.2012 Men in Black 3 - jetzt im Kino! Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) David Small: Stiche. Erinnerungen Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 20:34

 

Bodo Kirchhoff: Die kleine Garbo

28.08.2006


Die große Vermasslung

Roadmovies sind die neuen Abenteuer-, Entwicklungs-, Initiationsromane – und jetzt sogar die neuen Märchen!
Die kleine Garbo von Bodo Kirchhoff will all das sein, schafft´s erzählerisch und kompositorisch aber höchstens über den Jägerzaun des Nachbarn hinaus.

 

„Lektor, warum hast du ihn verlassen?“, entfährt es dem Kritiker. „Hat Kirchhoff nicht lange Jahre treu für euren Verlag gearbeitet?“ Ganze Kapitel mussten hier raus, die Hälfte wäre längst mehr als genug gewesen – für eine durchschnittliche Erzählung.

Glück und Unglück, Alter und Jugend, Schicksal und Management sind die großen Pandorabüchsen, aus denen sich Kirchhoff wie ein Heringsdoppelfilet eine Story stibitzen will - schön fett, schmackhaft und roh. Man kriegt aber schnell genug davon, sosehr sich Kirchhoff auch darum bemüht, dass es flutscht. Doch zunächst zur Story...
Jakob Hoederer – man ist verführt zu sagen ... ist doch immer quer über die Lebensgleise gegangen... – ist völlig am Ende. Vereinsamt, im Stich gelassen von Weib und Welt, beschließt er eine Bank zu überfallen. Das geht leider ins Auge – einer Rentnerin. Als er sich daraufhin das Leben zu nehmen sucht (er schiebt sich im Laufe der Nacht die Pistole so oft in den Mund, als hätte er eine orale Fixierung) fährt in einer Limousine leise das Glück vor: ein zwölfjähriger Fernsehstar im Engelskostüm auf dem Weg zum Dreh. Aber Hoederer vermasselt es natürlich sofort: Der Chauffeur ist bald tot, das Mädchen entführt und Jakob, der sich gerne Giacomo nennt, auf der Flucht. Bald gelangen sie in einen Wald, in dem es von grimmig-grimmschen Wölfen nur so wimmelt. Ab jetzt wird 200 Seiten lang nächtliche Konversation betrieben...

Steckenbeinig

Eine Invasion des Wilden in den gemächlichen Republikalltag hat Kirchhoff wohl angedacht, eine Art Ausbruch des Unkontrollierbaren. Der Vulkan ist Hoederer selbst. In ihm, als Außenseiter, hat sich viel angestaut mit der Zeit. Er hat keinen Fernseher, stattdessen sind Philosophie, Mathematik und Musik seine ewigen Themen. Er war Kommunist, im Beruf immer verdächtig querulantig und ein großer Bullen-, Aufsteiger- und Bonzenhasser. Anders eben - und doch so bekannt frustriert.

Der locker-gespannte Tonfall der Tragikkomik den Kirchhoff hier anzustimmen sucht, gelingt ihm jedoch zu keiner Zeit, immer gleitet es ins Melodramatisch-Klebrige hinüber oder ins gänzlich Banale. Erzählflauten, schlaffe Segel, keine Gischt! Denn schon aus dieser Story einen Roman zu machen, war falsch. Dabei hat Kirchhoff in seinem langen Schriftstellerleben fast schon jede Form durchprobiert. Er hätte ahnen müssen, dass hier eventuell sogar ein Theaterstück die bessere Lösung gewesen wäre. Aber wer liest so etwas schon – Theaterstücke? Romane will das Land! So schlecht sie auch sind. Und obwohl die vier Eingangsszenen dann auch so sauber romanhaft platziert sind, zerfällt die Gesamtstruktur doch: ein großes Säulenportal mit einem windigen Pfadfinderzelt dahinter.

Unverzeihlichkeiten

„Ganz Nase“, heißt es an einer Stelle über einen Wolf. Das soll poetisch sein. Dann „ganz Mund“. Jetzt ist es Malu, die kleine Geisel. Ganz Ohr sind wir dennoch nie, so sehr Kirchhoff auch mit der Feder pinselt. Der Text strotzt nur so vor kompositorischen Schwächen. Ein paar wenige Beispiel sollen hier genannt sein: Zum einen die völlig missglückte personale Erzählperspektive einer Zwölfjährigen. Dann Dialoge wie: „Ich will nach Hause“ „Das wollen wir alle. Sonst noch was?“ Drittklassige Bildlichkeiten: „In die Stirnfalten hätte man Papier klemmen können.“ Hier sehen wir den vierzehnjährigen Chandler noch üben. Einziger Unterschied, der Krimiautor hätte es sofort verworfen. „Julia Roberts, die hat Nasenlöcher wie Stalltüren.“ Was soll das denn? Greta Garbo hat Augen wie Schornsteine. Gregory Peck hat ein Kinn wie ein Vorgarten. Wie schief geht es denn noch? „Rau, rauher?“ Was jetzt? Alte oder neue Rechtschreibung? Oder die Einführungen neuer Personen: „Ben Meier, der Regisseur von Engelskuß...“ Gehört sich das für einen Profi, der mittlerweile Dutzende von Bücher, Theaterstücke, Drehbücher, Novellen und Essays etc. verfasst hat? Der Übergang zum schludrig-arbeitenden Trivialautor wird hier immer wieder durchschritten.

Besonders hübsch: „Das war natürlich eine rhetorische Frage, die schon die Antwort enthielt... “ Okay wir leben in Zeiten von PISA, aber haben wir es wirklich nötig, so geschulmeistert zu werden? “Man lernt die falschen Dinge auf der Schule.” „Und was wären die richtigen?“ „Was das hier auf der Welt alles soll.“ „Im Prinzip, oder wie?“ „Nein, ich meine, wie man glücklich wird.“ „Schokolade essen“ Besonders eindrucksvoll in diesem Dialog der Satz „Im Prinzip, oder wie?“ von einem Zwölfjährigen Mädchen in Lebensgefahr geäußert...
Das einzig schöne Bild, das dem Leser bleibt sind „gepuderte Zitronenbonbons“ – dafür bin ich Kirchhoff persönlich sehr dankbar.

Zum Schluss hat es der alte Kommunist doch noch geschafft, wenigstens etwas in seinem Leben zu erreichen: Das kleine missbrauchte Medienmädchen hört auf mit Fernsehen, beginnt gesellschaftskritisch zu denken und lernt endlich, Verantwortung zu übernehmen. Sozialisation durch einen Asozialen – hübsche Idee, hübsch vermasselt.

Christoph Pollmann


Bodo Kirchhoff: Die kleine Garbo. Frankfurter Verlagsanstalt 2006. 287. Seiten. 19,90 Euro. ISBN 978-3-627-00130-8

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...