Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin
03.09.2006
Endspiel der Gedanken
Steffen Popp gelingt mit Ohrenberg oder der Weg dorthin ein von einfallsreichen Formulierungen und Metaphern überbordender Debütroman, dessen verschrobene Protagonisten wie Illustrationen des sattsam bekannten Hölderlinverses über die Deutschen wirken.
Hier geht nichts mehr. Weder der zum „ersten Gemeindearbeiter“ herabgekommene Graf Ohrenberg noch sein ehemaliger Sekretär mit dem sprechenden Namen Aschmann gehören zu den Zeitgenossen, die etwas bewegen. Vielmehr lassen sie sich vom Wind der Geschichte umhertreiben, sei es ins Schweizer Exil während der nationalsozialistischen Diktatur, sei es in ein kleines Dorf im thüringischen Bergland, wo Ohrenberg zurückgezogen auf einer ehemaligen russischen Abhörstation lebt. Handlung ist dementsprechend Mangelware in Ohrenberg oder der Weg dorthin, dem Debütroman Steffen Popps. Auch Dialoge gibt es nicht; die Lebensgeschichten dieser beiden alten Solitäre treten lediglich in den kapitelweise parallel montierten Auszügen aus dem Fahrtenbuch Aschmanns auf dem Weg zu Ohrenberg und in den Gedanken des Letzteren zu Tage.
Also ein reiner Gedankenstrom? Auch das trifft nicht ganz den Erzählstil Steffen Popps, der die Grenzen zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung in einer Grauzone verschwimmen lässt. Schon der erste Satz ist symptomatisch: „Weit entfernt, in Aschmann, rumort die See.“ Distanz und Innerlichkeit werden vereinigt von einem Erzähler, der ganz in seinen Gedanken versinkt, dabei aber über sich wie über einen Fremden spricht. Der geschilderten Wirklichkeit ist nicht zu trauen: so verlässt erst der Baron von Aa, ein zeitweiliger Reisegefährte Aschmanns, die gemeinsame Kajüte, dann hockt er wieder in seinem „elefantischen Dasein“ auf dem Bett. In der mental geprägten Welt Ohrenbergs und Aschmanns beeinflussen historische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg oder die Wende zwar beider Leben, sie bleiben aber in ihren Gedankenströmen nur austauschbare Kulissen.
Meteore und Kippen
Anders als im Beckett’schen Endspiel irren Ohrenberg und Aschmann nicht im kleinsten Kreis herum; ihre Gedanken sind ein ausschweifender Sermon über das Sein, das Denken und das Wesen der Welt. Doch steht immer das Triviale neben den erhabenen Ergüssen, „Meteore und Kippen“, wie es an einer Stelle heißt, so dass die metaphysischen Spekulationen, ähnlich wie bei Christian Morgensterns beseeltem Butterbrotpapier, zur Groteske werden. So im „Dialog der Arten“ zwischen Ohrenberg und einer Kakerlake, der aufgehenden Sonne in Gestalt eines Urinfleckens oder das Goethe-Echo in Gestalt des wirren Gymnasialrats Schreber (wieder einer der vielen sprechenden Namen).
Den inhaltlichen Grotesken entspricht der hochtrabende Stil, dem Popp immer gerade rechtzeitig einen umgangssprachlichen Knüppel zwischen die Beine wirft und ihn damit zum Stolpern bringt. Doch nicht nur komische Effekte entstehen aus dieser Stilmixtur: eine Flut von Metaphern, Inversionen und unerwarteten Formulierungen strömt hier auf den Leser ein. Steffen Popp gelingt es immer wieder, den gewohnten Ausdruck zu vermeiden und schöne bis schräge Paraphrasen zu finden. Sein sprachlicher Einfallsreichtum macht Ohrenberg oder der Weg dorthin zu einem eigenwilligen und gelungenen Debütroman.
Carsten Schwedes
Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Kookbooks 2006. Gebunden. 144 Seiten. 17,90 Euro. ISBN 3-937445-17-X