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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:36

 

Smith: Von der Schönheit

10.09.2006


Das Talent für den glücklichen Anstrich

Soll man in einer Familie die Wahrheit aussprechen in der Hoffnung, nachdem die Tränen geflossen sind, zeige sich die klärende Sonne der Versöhnung?

 


Das Treiben der beiden rivalisierenden Familien Belsey und Kipps bietet reichlich Stoff für Versuche der Klärung. Etwa die politischen Barrieren, die fast unüberwindbar zu sein scheinen: Political Correctness und liberales Multikulti stehen gegen einen den Schutz von Minderheiten ablehnenden Konservatismus. Doch trotz der großen Kluft ideologischer Unterschiede verbindet die beiden Familien mehr miteinander als sie sich vorstellen mögen.

Der Roman beginnt zu einer Zeit, da das familiäre Grundgefühl bei den Belseys praktisch schon nicht mehr vorhanden ist. Gerade versucht der agnostische Literaturprofessor Howard die unschöne Wolke des Ehebruchs von seinem Haupt zu vertreiben, da gesteht sein Ältester, dass er nicht nur zum Christentum zu konvertieren, sondern auch die Tochter seines Erzfeinds Monty Kipps zu ehelichen gedenkt. Als wäre das nicht schon eine ausreichende Kränkung, freundet sich seine schwergewichtige Frau Kiki auch noch mit der Ehefrau des Rivalen an, während ihre intellektuelle, aber reizlose Tochter Zora eine Obsession für einen äußerst attraktiven Rapper entwickelt. Dennoch verwendet man viel Mühe, um den Anschein des gemeinsamen Glücks aufrecht zu erhalten.

Das Wesen der Schönheit

Die Klammer, die diesen divergierenden Mikrokosmos zusammenhält, ist das Wesen der Schönheit in ihren vielfältigen Erscheinungsformen. Für die einen Vorwand und Grund ihrer Studien, für die anderen Triebfeder ihres Begehrens. Doch vielfach unterschätzt, dirigiert die Schönheit hinter dem Spiegel lachend ihre eitlen Betrachter. Sie benutzen sie, sie erliegen ihr, sie proklamieren sie für sich und machen sich weis, dass Sünden, die man in ihrem Namen begeht, nicht gezählt werden. Gut dabei kommen diejenigen weg, die ihre Eitelkeiten weitgehend hinter sich gelassen haben. Erst ihnen wird wahre Schönheit zu Teil.

Zadie Smith hat ein Talent für passgenaue Formulierungen und delikate Wendungen, mit denen sie den Fluss der Erzählung, in dem man sich schon ganz zu Hause gefühlt hat, immer wieder unterbricht. Mit einer gewissen Angstlust erwartet man jede neu entblößte Stelle in der Welt des schönen Anstrichs.

Fragen des modernen Lebens

Wie auch schon in Zähne zeigen, ihrem Erstling, geht es um die Fragen des modernen Lebens, so den Stellenwert der Religion oder die Anpassung an ein Leben in einer neuen Heimat. Schauplatz ist diesmal ein Universitätsstädtchen in Neuengland. Ihre mehrheitlich schwarzen Protagonisten haben es gesellschaftlich geschafft und präsentieren nun die Wertebegriffe ihrer Umgebung. Unter dem zur Schau gestellten jeweiligen Habitus toben jedoch abweichende Begierden und Sehnsüchte. Man wünscht sich soziale Anerkennung, eine ideologische Heimat, Wurzeln, Liebe - und zum Vorschein kommen vorwiegend triviale egozentrische Motive.
Aber nicht nur soziale Wertebegriffe werden filetiert, auch kulturelle Eckpfeiler einer den Schein liebenden Gesellschaft, wie die hehren Ansprüche des Universitätsbetriebs, werden elegant und liebevoll in durchsichtige Scheibchen zerlegt. Am Ende bleibt den Figuren des Romans von ihren Schönheitsidealen wenig übrig, sie müssen sich mit realistischeren Bildern begnügen. Was bleibt, ist das Vergnügen für Leser und Leserinnen. Eine kluge und spöttische Demontage einer überaus irdischen Schönheitssuche.

Maggie Thieme


Zadie Smith: Von der Schönheit. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Kiepenheuer & Witsch 2006. 518 Seiten. 22.90 Euro. ISBN: 3-462-03716-1

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