„Er lehnte sich über die Reling der Cape Town, des Schiffes seiner Flucht.“ Schnell, ohne Umwege steigt der Roman ein in die Geschichte des jungen Niederländers Rob, der Holland im Jahre 1935 verlässt, weg von der Enge, raus aus der Spießigkeit, ein „Aufbegehren gegen das Unvermeintliche, gegen ein Leben in Fesseln.“
Um die halbe Welt wird ihn dieses Abenteuer führen, es ist eine weite Reise, untermalt von historischen Ereignissen. Es ist ein kurzer Roman, der ganz besonders durch eines sehr besticht: sein dichtes Erzählen. Eine Fülle von Impressionen, Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, intensiv, sehr tief gehend und geschickt miteinander verwoben. Es entsteht das Porträt eines jungen Mannes, der von Rotterdam aus über Lissabon, Casablanca, Kapstadt nach Johannesburg reist, überall Station macht, nie heimisch wird, stets von innerer Unruhe getrieben. Der in Niederländisch-Indien gegen die Japaner kämpft und dort auch in Gefangenschaft gerät. Hier lernt er den jungen Niederländer Guus kennen, und die Freundschaft zu ihm wird zur „Kompassnadel all seines Tuns und Lassens“. „Guus, wir müssen zusammenbleiben, egal, was passiert.“ Doch auf dem Gefangenentransport nach Nagasaki wird das Schiff angegriffen und die beiden springen über Bord, Rob kann sich retten, Guus bleibt verschwunden.
Abkehr vom Vater
Die Reise in die Welt ist auch die demonstrative Abkehr vom starken Vater, der so „vorbehaltlos an Führung, Disziplin, Struktur und Hierarchie“ glaubt. Den Rob so geliebt hat, bei dem er aber nie die erhoffte Erwiderung fand. Die Adressen, guten Verbindungen, Kontaktstellen, die sein Vater ihm auf Notizzetteln mitgibt, zerreißt er beim Auslaufen des Schiffes. „Ob sein Vater verstand, was er sagen wollte? ... Zwei Welten schoben sich auseinander.“ Protest, Auflehnung. In Guus und dessen Erzählungen über sein Elternhaus findet Rob das Ersehnte, das ihn von da an mit dem Freund noch enger verbindet. Dann das Unglück: „Guus, verfluchter, verdammter Guus.“ Der Freund bleibt verschwunden und Rob fühlt schließlich „eine Leere, weil der Krieg vorbei war, die Kameraden verschwunden.“
Intensiv und nachhaltig
Der Mann in der Ferne hieß Otto de Kats zuletzt erschienenes Buch, auch hier ein Mann, der sich an seine Familie erinnert, zugleich sehnsuchts- wie schmerzvoll. Das jetzige Buch, fast noch intensiver und nachhaltiger, wurde in den Niederlanden mit dem Halewijn-Literaturpreis ausgezeichnet. Da ist nichts Lautes, nichts Kämpferisches oder Plakatives in dem kurzen Roman, dafür aber hallen die leisen Töne viel länger nach, bleiben flüchtige Eingeständnisse und schüchterne Bekenntnisse tief im Gedächtnis. Ein Buch, das von Freundschaft und Elternhaus erzählt, vom Abschiednehmen und der großen Welt. Ein Buch, das von der Sehnsucht nach dem anderen Ende der Welt erzählt und der tiefen Liebe, die man erst dort erkennt. „Häfen auf einer Schnur gereiht und nirgendwo blieb er. Dennoch hatte er es schätzen gelernt, das Sich-Einschiffen war ihm zur zweiten Natur geworden. Öl und Wasser, Möwen und Kais, die Städte waren verschieden, aber Geruch und Geräusche überall gleich.“
Barbara Wegmann
Otto de Kat: Sehnsucht nach Kapstadt. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Verlag Suhrkamp 2006. 156 Seiten. 17,80 Euro.