Joey Goebel: Freaks
10.09.2006
Intelligente Popliteratur
Kentucky kann sich Volkshelden wie Abraham Lincoln, Daniel Boone und Harland Sanders, den Erfinder des Fried Chicken, ins eigene Geschichtsbuch heften. Und ein weiterer Platz sollte freigehalten werden für Joey Goebel, der hier seinen Debütroman vorlegt.
Zuerst ein Moment des Wunderns und der Überraschung: warum genau hat es dreieinhalb Jahre gebraucht, um diesen Roman vom Englischen ins Deutsche zu bringen? Gerade der deutsche, verkuttnerte Markt scheint der richtige Platz um mit intelligenter Popliteratur zu glänzen und das tut Freaks, im Titel eine etwas unglückliche und eigentlich auch dreiste Halb-Verdeutschung des Originals – The Anomalies. Der Roman macht Spaß, ist schnell und die besagten Anomalien trifft man in der Gestalt von fünf ambitionierten Musikern, deren Biographien in keine Casting-Show passen würden:
[1] Opal: eine 80jährige, der es im Altersheim zu langweilig wird und die zur Abwechslung gerne jüngere Männer flach legt. Die Band nutzt ihr auch, um an Authentizität zu gewinnen – ist doch das einzige halbwegs typische Oma-Ding, das sie auf sich nimmt, das Babysitting für ein anderes Bandmitglied:
[2] Ember: eine Achtjährige, deren drogen-affine Eltern sich letztendlich nach Cancun absetzen und sich dort eine Auszeit gönnen. Sie flucht schon wie ein Profi und nimmt die anderen Bandmitglieder als Familie an.
[3] Darunter auch Ray, ein latent schwuler Iraker, der mit einem erklärten Ziel in die USA migrierte: er will den GI finden, den er im ersten Golfkrieg angeschossen hat, um sich bei ihm zu entschuldigen. Das schafft er schließlich auch.
[4] Luster: Afroamerikaner, Visionär und Paranoiker vom Dienst. Seine Brüder sind Crackdealer, und um dieser Familientradition ein wenig näher zu rücken, büßt er schließlich für einen seiner Brüder und geht ins Gefängnis.
[5] Aurora: eine 19jährige, umwerfende Ex-Satanistin, deren Vater, ein Prediger, zu guter Letzt mit einer Stripperin durchbrennt.
Einen Großteil ihrer Zeit und Energie verwendet diese Crew auf ihre Proben, die die Band – The Anomalies – schließlich auch auf eine Bühne bringt. Das ist überhaupt die gesamte Geschichte: die Aufmerksamkeit gehört den Charakteren, nicht der dünnen Story, und da sie ausschließlich für sich selbst sprechen, ohne einen Erzähler zwischen sich und dem Leser zu haben, lernt man sie schnell und einfach kennen. Freaks sind sie auf keinen Fall – diese Gattung ist im Inventar der Rock’n’Roll-Geschichte ohnehin zu zahlreich vertreten, als dass der Begriff noch produktiv sein könnte. Und sie sind sich auch keiner Freakigkeit bewusst – da wird nicht hinterfragt oder gezweifelt, da nimmt man lieber Gitarre oder Bass in die Hand, „um zu rocken, und zwar am Galabüffet des Lebens.“ Das Miteinander des Ensembles wird nur reizvoller dadurch, dass es im biederen, landseligen Kentucky entsteht, das in seiner frommen Beschaulichkeit des Mittleren Westens eben doch nicht sicher ist gegen die Außenwelt. Krieg, Drogen, Sex – das ist alles da, und anstatt es ohne Aufsehen totzuschweigen, nehmen es diese Charaktere lieber an und legen mit ihrer Band einen Soundtrack drüber, wenigstens einen kurzen Moment lang: die Band muss natürlich nach dem ersten Konzert auseinander fallen, die Mitglieder sich verlaufen, anstatt auf Welttournee zu gehen. Ihr kurzes Erlebnis der Freiheit von diversen Zwängen der Realität aber genießen sie.
Daniel J. Gall
Joey Goebel: Freaks. Deutsch von Hans M. Herzog. Diogenes, Zürich 2006. Gebunden. 192 Seiten. 15,00 Euro.