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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:37

 

Nora Bossong: Gegend

17.09.2006


Es blendet so dunkel

Ein sommerliches Grundstück, eine Frau auf der Suche nach ihrer Halbschwester, ein Vater auf der Suche nach seiner unehelichen Tochter – in ihrem Debütroman
Gegend schreibt Nora Bossong von einer geheimnisvollen Suche nach der Familie und der eigenen Zugehörigkeit.

 

Eine junge Frau kommt gemeinsam mit ihrem Vater auf ein Grundstück mit Haus und Garten in einer heißen, ockerroten Gegend. Auf diesem Grundstück lebt Marie, die Halbschwester der Frau, die uneheliche Tochter des Vaters, die beide noch nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen haben. Auch Maries Mutter, die Affäre des Vaters vor fünfzehn Jahren, sollte hier wohnen. Der jungen Frau und dem Vater offenbart sich in der sommerlichen Hitze des Grundstücks jedoch eine eigene, grausame Welt: Marie möchte nicht mit dem Vater reden; Fabian, Maries Halbbruder, weigert sich, der Frau und dem Vater zu erklären, warum Marie so verschlossen ist, und dann gibt es noch Lo und Jakob, die ebenfalls in die familiären Gespinste verwickelt zu sein scheinen – auf welche Art und Weise, bleibt zunächst unklar. Immer größer wird nun die Angst der Protagonistin, ihren Vater an die geheimnisvolle Marie zu verlieren, gleichzeitig erliegt sie selbst immer mehr dem dunklen Charme ihrer Halbschwester.

Gegend ist der Debütroman der 1982 geborenen Autorin Nora Bossong, die für Teile des Manuskripts bereits das Leipziger Literaturstipendium und das Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung erhielt. Dicht und dunkel verwebt sie in diesem Roman die südliche Hitze und die karge Natur mit dem Schicksal ihrer Protagonisten. Die Suche nach der Halbschwester, nach der Familie wird zu einem Spiel, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt, denn es scheint unmöglich, das Grundstück noch zu verlassen, hat man sich einmal auf dessen Bewohner eingelassen. Bossong beschreibt komprimiert, kommentar- und fast emotionslos die Verstrickungen zwischen den Gästen und den Bewohnern des Grundstücks und gewinnt selbst dem heißen, hellen, blendenden Sommer eine dunkle Seite ab.

Die komprimierende Schreibweise, die einen ganz eigenen Ton der Autorin transportiert und die Ereignisse auf angenehme Art eher andeutet als interpretiert, ist allerdings gleichzeitig auch das Manko des Romans. Bis zum Schluss bleiben alle Charaktere blass, sie unterscheiden sich nicht – die sechs Protagonisten sind schweigsam, latent aggressiv und unfähig zu einigenden Gesprächen –, auch die innere Beschaffenheit des Grundstücks, seine Abgeschlossenheit nach außen, der Grund seines Banns erschließen sich bis zum Ende nicht. Wieder einmal stellt sich das Gefühl ein, es mit einer viel versprechenden jungen Autorin zu tun zu haben, die für substanzielle, gänzlich ausgereifte Geschichten einfach noch zu wenig Lebenserfahrung besitzt.

Katharina Bendixen


Nora Bossong: Gegend. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 2006. Hardcover. 128 Seiten. 16,90 Euro.

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