Gülich: Später Schnee
17.09.2006
Annegret und Nilpferde
Wie eine Flocke zur kalten Jahreszeit weht dieser Roman, der vierte von Martin Gülich (* 1963), auf den Tisch und hat eine merkwürdige Prosa dabei, die lange haften bleibt. Wenn alternde Schriftsteller unweigerlich irgendwann über alternde Männer schreiben müssen – dann hat Gülich diese Aufgabe souverän gemeistert.
Da ist viel Reflexion, viel Stille und wenig ausgesuchte Interaktion, wenn man diesen schmalen Roman aufschlägt – ein kurzer Augenblick im Leben des 52-jährigen Protagonisten, den dieser ganz alleine und aus seiner Perspektive zerdenken und bewältigen kann. Als vorsichtiger und misstrauischer Ich-Erzähler liefert er nur gerade genug Informationen für einen faktischen Unterbau und ergeht sich ansonsten ganz in seinen persönlichen Eindrücken. Und die Stille, die sich ergibt, weil er eben denkt und spricht, wird nahtlos fortgesetzt im „fahlen Streulicht der Straßenlaterne“.
Es herrscht ein dunkler Winter in einer namenlosen Stadt, und der allein stehende Erzähler verliebt sich. In dieser Welt ungewisser sozialer Dynamiken, die er bewohnt, ist das ein beschauliches Stück Sicherheit: unter all den zerfallenden Ehen, den wenigen Halbfreunden, mit denen er gerade genug vertraut ist, um für sich eine tödliche Krankheit zu erfinden, mit der er ein wenig Mitleid heischt – unter all diesen Ungewissheiten also ein Stück Verliebtheit und Geilheit. Sie heißt Annegret, trägt gerne schwarz und schläft gerne und schnell mit ihm – das ist der einfache Teil. Kaum aber versucht er, ein wenig Festheit in die Beziehung zu gießen, zieht sie sich zurück ans Krankenhausbett ihres komatösen Mannes und macht ihm kurz und bündig klar, dass er mit ihr schlafen, sie haben aber kann er nicht. Als Tropfen war sie trotzdem groß genug, um sein Fass zum Überlaufen zu bringen – er bricht schließlich aus, geht in den Zoo und lässt dort die Nilpferde, seine zweite große Liebe nach Annegret, aus ihrem Gehege frei, um ihnen anschließend in den Schnee nachzustapfen: „Ich schließe die Augen und sauge noch einmal den Geruch der Tiere in mich ein. Dann nehme ich meine Tasche und folge ihren Spuren.“
Ein Vergleich mit Böll
Es stellt sich als erstaunlich schwer heraus, den Inhalt eines Romans zu referieren, der so überhaupt kein Aufsehen darum macht, dass nichts passiert und der seine Leser in eine intime Vertrautheit zieht, in der man eben keine tatkräftige Handlung braucht, um Interesse zu erzeugen, sondern nur Sehnsüchte, Wünsche und Begierden. Ohne Gülich irgendwie in eine Nähe rücken zu wollen, die er vielleicht nicht beabsichtigte – sein Roman liest sich wie eine Doublette von Heinrich Bölls Das Brot der frühen Jahre, hier wie da mit einem etwas verlorenen Erzähler in einer gesichtslosen, feuchten Stadt ohne ausgeprägte Identität, der mit einer Verliebtheit aus seinem Trott findet, aber darum kämpfen muss, sich selbst einen Raum (im ganz wörtlichen Sinn) zu schaffen und zu finden – Gülichs Erzähler steht die meiste Zeit entweder vor Annegrets Haustür im Dunklen oder flüchtet auf irgendeine Art aus seiner Wohnung, in der sich monatelang ein ungebetener Gast – Hartmann – einquartiert. Das, diese Böll-Sache, ist ein Kompliment für Gülich, dessen kontrollierte, aber nicht leblosen Parataxen auch ein wenig an Bölls erzählerische Stimme erinnern – die Geschichte, die die beiden erzählen, ist ohnehin so einfach, dass sie nicht alt wird, eine dieser archetypischen Geschichten, an die sich eine Autorengeneration nach der anderen werfen kann, ohne deswegen unoriginell zu sein.
Daniel J. Gall
Martin Gülich: Später Schnee. Schöffling. Frankfurt am Main 2006. Gebunden. 157 Seiten. 17,90 Euro.