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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:37

 

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

17.09.2006


--- : *** ; !!
Zu einer Prachtausgabe des Walterschen “Tristram Shandy”

Laurence Sternes “Tristram Shandy” ist der ungewöhnlichste Roman der Literaturgeschichte, die Editionsgeschichte seiner besten deutschen Übersetzung ist nicht weniger ausgefallen. Jetzt liegen beide in einer Neuausgabe vor.

 

Wenn unter Kennern & Liebhabern der Weltliteratur vom “Buch der Bücher” die Rede ist, dann nicht mehr, wie unter Juden & Christen von der “Bibel” oder unter Muslimen vom “Koran”, sondern von allenfalls zwei Büchern: Laurence Sternes “Tristram Shandy” oder James Joyce “Ulysses”. Es sind solitäre Bücher: das eine, weil es alles, was den europäischen Roman in seiner Geschichte ausmachte, in nuce eines “Welttages” enthält & unvergleichlich sprachmächtig ausgeprägt hat; Sterne (1713/68) und sein “Tristram Shandy” aber Epos, Roman & Erzählung auf den Kopf gestellt und humoristisch durchgeschüttelt haben, so dass ein unendlich komisches Lachkabinett aus dem Weltstoff wurde.

Was für deutsche Leser die Wollschlägersche Übersetzung des “Ulysses” (nämlich die optimale Annäherung an das Original) bedeutet, das ist für den “Tristram Shandy” Michael Walters Übertragung, die zwischen 1983/91 in neun kleinen Einzelbänden im Haffmans-Verlag erstmals erschien und danach immer wieder, in Einzelbänden wie auch in einem Band (bei dtv und Zweitausendundeins), von Michael Walter revidiert & verbessert, aufgelegt wurde.

Das Buch, dessen solitärer Rang übrigens sofort im zeitgenössischen Deutschland erkannt und damals von J. J. Chr. Bode 1776 erstaunlich gut übersetzt wurde, hat nicht nur sein “Schicksal”, sondern auch Michael Walters großartige Übersetzung: “Schicksal” weniger als Geschick, sprich Selbstbestimmung.

Denn Michael Walter war so klug & gewitzt wie Sterne selbst, der die Drucklegung des in einzelnen Lieferungen zwischen 1760/69 erschienenen “Tristram Shandy” penibel überwachte: auch das ist eine Ungewöhnlichkeit! Walter nun, sein jüngster, ultimativer deutscher Übersetzer, behielt nämlich das Copyright an seinem Werk & Eigentum, das Übersetzer in aller Regel an den Verlag abtreten (müssen), in dem ihre Arbeit zuerst erschien. So konnte er von der Frucht seiner achtjährigen Übersetzer-Tätigkeit wie ein Autor leben und über die verlegerische Verwertung seines “Tristram Shandy” frei verfügen, indem Walter nur jeweils begrenzte Auflagen vereinbarte und die Verlage wechselte nach eigenem Gusto.

Die jüngste Ausgabe von Walters “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” (sprich von Laurence Sternes Meisterwerk) ist eben bei Eichborn erschienen - und zwar auf die denkbar schönste & liebevollste Weise: ebenso bibliophil wie philologisch umfangreicher als alle früheren deutschen Ausgaben.
Denn dieses “Buch der Bücher” ist in vielerlei Hinsicht mehr & anderes als bloß die Partitur für den Vorlesesymphoniker Harry Rowohlt, der den “Tristram” auf 21 CDs für den Hörbuch Verlag “Kein & Aber” bereits aufgenommen hat, aber erst ab Ende Oktober sowohl Lesefaule wie Zuhörerfetischisten durch sein orgelndes Organ mit dem Leben und den Ansichten von Tristram Shandy gentlemanlike erfreuen wird - weil “der witzigste, schlüpfrigste und komischste Roman aller Zeiten“, wie der Verlag zurecht behauptet, eher für die Ohren der “Gents“, als für die Lauscher der Ladys gedacht gewesen sein soll - was sich ja heute hinlänglich geändert hat, wenngleich dieser perlende Shandy denn doch kein substanzloser Prosecco ist & sich wohl doch nicht für Elke Heidenreichs “Brigitte“-Edition eignen würde.

Gewiss wird der ausgepichte Stimmenimitator Harry Rowohlt alles daran setzen, auch die kleinste jener doppeldeutigen Sprach- & Wortnuancen zum Sprechen zu bringen, die “der freieste Schriftsteller aller Zeiten“ (Nietzsche) im Original an- und Michael Walter im Deutschen nach- & ausgesprochen hat. Aber so sehr man sich da auf ein Vergnügen besonderer Art & witzigster Weise wird freuen können, so werden dabei doch die exzentrischsten Pirouetten, die das Sternesche Genie der gerade einmal dreihundertjährigen Buchdruckerkunst entlockte & aufpfropfte, auf der Strecke bleiben.

Denn der umfassende Angriff des Ironikers & Humoristen, Satirikers & Spielers (also Bluffers) auf die Intelligenz, die Assoziationsfähigkeit, das Unbewusste und die Lachmuskeln seiner Leser (als intimste Ansprechpartner & Teilhaber seiner literarischen Abschweifungen) trägt Sterne nicht nur semantisch & grammatikalisch vor, sondern zugleich optisch, indem er die Seiten, die Absätze, die Sätze & Worte derart in den Dienst seiner Karnevalistik stellt, dass man sein Buch nicht nur lesen, sondern auch sehen muss.

Sehen heißt hier übers pure Lesen hinaus: die gestische Instrumentierung seiner quicklebendigen, sprunghaften, subversiv unterfütterten Prosa in seinem reichen & ganz eigenen Gebrauch von Punkten, Doppelpunkten, Gedankenstrichen, Sternchen, Versalien, Kursivierungen, Leerzeilen wahrzunehmen und sich davon leiten zu lassen. Hinzu kommen Bildsymbole, Zeichnungen oder das Äquivalent für einen Grabstein, eine leere Seite zum zeichnerischen Gebrauch des Lesers oder das inhärente Symbol des ganzen Buchs und seiner Sterneschen Poetik: eine farbige marmorierte Seite, in deren buntscheckigen Musterung er ein Abbild seines kunterbunten Romans geben wollte.

Gerade dieser letztgenannte Jux, den Sterne sich mit der Buchdruckkunst erlaubte, war im Original von Hand eingefügt worden; und jetzt erst wieder enthalten, wie die englische Erstausgabe, die 400 limitierten Luxusexemplare der Eichborn-Edition jeweils individuell ausgefallene “marbled pages”- zu 99.90 ¤ das Stück. Im “normalen” Exemplar ist es eine farbige Doppelseite, die dem Original nachgebildet wurde.

Aber dieser jüngste Waltersche & Sternesche “Tristram Shandy”, der begleitet wird von den unerlässlichen, aufschlüsselnden & auch kommentierenden Anmerkungen des Übersetzers, besitzt auch eine kommentierte Dokumentation in Briefen, die den Autor als raffinierten & findigen Vermarkter & Propagandisten seines Werks zeigt, der den Erfolg nicht dem Zufall überlässt, sondern ihm durch prominente Fürsprecher, die dann seine Freunde wurden (wie der Premierminister William Pitt, der Shakespeare-Darsteller David Garrick und der Maler & Kupferstecher William Hogarth), den triumphalen Weg bereitet - und sich selbst den Aufstieg in die höchsten Kreise der britischen Hauptstadt damit verschafft.

Wolfgang Hörner, der die Dokumentation erstellte, hat auch das Nachwort beigesteuert, das sowohl einen biografischen Lebensabriss des einzigartigen Autors bis zu dessen “armselig-einsamen Ende” (samt Leichenschändung durch Grabräuber & und Nachlassverstümmelung durch seine Tochter) enthält, als auch eine kleine Geschichte der deutschen Rezeption von Sternes “Tristram Shandy” erzählt, die verschiedenen ge- & missglückten, gekürzten oder vergröberten Übersetzungen kommentiert und über das “Geheimnis der marbled page” aufklärt.

Hörner, der verlegerisch hinter dieser außerordentlich gelungenen, ja geradezu brillanten Ausgabe zu vermuten ist, sieht “die große Menschlichkeit” des unübertrefflich eigensinnigen “Urbuchs der komischen Literatur” in dessen geistigem und poetischen Anarchismus: “Die Hierarchie von groß und klein, von Haupt- und Nebensache, von Ernst und Unernst wird aufgehoben” und der Leser in diese “fiktionale Universaldemokratie einbezogen“.

Um das Schauens-Glück des Lesers dieser jüngsten “Tristram Shandy”-Ausgabe vollends abzurunden, sind auf dem Schutzumschlag, dem Einband und den Innenseiten zum Ein- & Ausgang des Buchs die vier derbkomischen zeitgenössischen Farbstiche Henry William Bunburys als Zugabe dabei.

Wolfram Schütte


Laurence Sterne: “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman”.
Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Michael Walter.
Erstmalig durchpaginiert, mit Materialien zur Entstehung, einem Nachwort und einer kommentierten Bibliographie von Wolfgang Hörner, den vier Farbstichen Henry William Bunburys und einer farbigen marble page, Illustr., Lesebändchen.
Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2006,
853 Seiten, 39.90 ¤
ISBN: 3821807334

Ders.: Luxusausgabe im marmorierten Schuber. Mit handgeschöpfter, echter marble page. Limitiert auf 400 Exemplare, 99.90 ¤

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