Håkan Nesser: Die Fliege und die Ewigkeit
25.09.2006
Ein Fliegenschiss auf die Moral
„Was ist eine Lüge? Hat Sprache einen Sinn? Gibt es diese rote Farbe an der Wand oder nur in meinem Kopf? Woher weiß ich, dass überhaupt etwas existiert? Ist das wirklich ein Kachelofen?“
Gehört Die Fliege und die Ewigkeit zu einem neuen Genre, dem philosophischen Kriminalroman? Wer will, kann diese Kategorie aufmachen, sollte sie aber groß genug anlegen, denn schon immer waren metaphysische Fragen des Daseins die Basis des Krimis. Nirgends kommt die Brüchigkeit von Existenz und Wirklichkeit besser zum Vorschein als im Moment des Verbrechens. Doch Håkan Nesser nutzt die Nähe von Philosophie und Verbrechen auf eine besondere Weise, nämlich um sie zu einer intelligenten Geschichte über Freundschaft und Verrat zu verweben.
Diese beginnt mit einem Schweigen am Telefon. Hat sich jemand verwählt? Kann oder will die anrufende Person nicht sprechen? Was bedeutet dieses Schweigen? Wie als Bestätigung der Chaostheorie wird mit dem unbedeutenden Ereignis das ruhige Leben des Bibliothekars Maertens durcheinander gewirbelt. Nachdem er seine Gefängnisstrafe für einen Mord verbüßt hat, baut er sich eine neue, bescheidene Existenz auf und lebt und arbeitet sehr zurückgezogen. Plötzlich erfährt er, dass der bekannte Philosophieprofessor Borgmann gestorben ist. Dieser, einst sein bester Freund aus Studienzeiten, hat in seinem Testament verfügt, Maertens solle eine Woche mit Borgmanns Frau Marlene verbringen. Auch Maertens war einmal in sie verliebt. Die stumme Wirklichkeit, in der er zu leben meint, bekommt Risse. Erinnerungen dringen ein und bringen in Rückblicken Bruchstücke einer früheren Existenz zurück. Im Borgmannschen Haus und in seiner umfassenden Bibliothek scheinen sich die Erinnerungsfetzen zu einem dunklen Muster zu arrangieren.
Maertens kämpft verzweifelt mit den Indizien einer fassbareren Wirklichkeit. Gibt es eine Realität außerhalb der Worte? Welchen Zeit-Raum Aspekt soll man dabei berücksichtigen? Inwieweit kann man der Materie trauen? Für den Bruchteil einer Sekunde scheint er der Aufklärung nahe, doch die Fliege, die als Beweis der Existenz herhalten soll, lacht nur und fliegt davon.
Tragisch und aufregend zugleich, wie die Suche nach existenziellen Wahrheiten des jungen der Suche des reifen Mannes nach der Wahrheit seiner Existenz ähnelt und sich doch zugleich von ihr unterscheidet. Håkan Nesser schreibt eine moderne Version von Schuld und Sühne und zeigt parallel zur literarischen Vorlage, ähnlich wie Woody Allen in seinem Film Matchpoint, wie man ungestraft mit einem Verbrechen davonkommen kann. Gemein, aber wahr: das den Mörder begünstigende Wissen liegt nicht in der Kenntnis der Metaphysik, sondern in der des Glückspiels. Darüber hinaus weist Nesser augenzwinkernd darauf hin, dass es kein Verbrechen sei, dass Autoren Kenntnisse der großen Literatur besäßen, sich aber mit einer Portion Glück auch auf ihr Unterbewusstsein verlassen könnten, um Werke zu schaffen, die sich durchaus mit eventuell existierenden Vorlagen messen könnten.
Eine göttliche Tragödie, eine kriminalistische Spurensuche der anderen Art, vielleicht nicht für eine in Dante-Einheiten gerechnete Ewigkeit, aber göttlich spannend und nicht ohne Hoffnung.
Maggie Thieme
Håkan Nesser: Die Fliege und die Ewigkeit. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrand. btb-Verlag 2006. 318 Seiten. 19,95 Euro.