T Cooper: Lipshitz
25.09.2006
Ein etwas anderer Familienroman
Lipshitz von T Cooper ist ein wunderbarer Familienroman, aber nicht nur das: gleichzeitig ist das Buch ein spielerisches Experiment.
Familienromane über mehrere Generationen kommen wahrscheinlich nie aus der Mode. Die größte Schwierigkeit bei diesem Genre besteht jedoch in der genauen Charakterzeichnung trotz einer großen Zeitraffung. Und glücklicherweise gibt es immer wieder Romane, die diese Schwierigkeit meistern. Lipshitz von T Cooper ist einer davon, der fast über ein ganzes Jahrhundert die Mitglieder der Familie Lipshitz vorstellt, sie trotz vieler menschlicher Schwächen mit großer Sympathie beschreibt und sie schließlich fast alle in den Tod entlässt – und darüber hinaus dem Genre am Ende des Buches eine ganz neue Facette abgewinnt.
Die jüdische Familie Lipshitz, Mutter Esther, Vater Hersch und die Kinder Ben, Schmuel, Ruben und Miriam, lebt im beginnenden 20. Jahrhundert in Russland, das von antisemitischen Pogromen erschüttert wird. Die Familie emigriert nach Amerika, und bei der Landung in New York geht der jüngste Sohn Ruben verloren und bleibt unauffindbar. Als Jahre später Charles Lindberghs Atlantiküberquerung durch die Presse geht und Lindbergh ein weltweiter Held wird, bildet sich die Mutter ein, Lindbergh sei ihr verlorener Sohn Ruben. Zunehmend verfällt sie einem Wahn, sammelt alle Zeitungsausschnitte über Lindbergh, stellt Fotos von ihm in die Wohnung und schreibt ihm Briefe. Ben dagegen ist homosexuell und lebt damit im Amerika der 20er- und 30er-Jahre am Rande der Gesellschaft, Schmuel kommt im Ersten Weltkrieg um. Lediglich Miriam führt ein ganz gewöhnliches Leben, heiratet und bekommt zwei Kinder.
Abrupte Erweiterung zu einem modernen Roman
1942 bricht diese Geschichte, die 1903 begann, abrupt ab und macht der Gegenwart Platz. T Cooper, der Enkel von Miriam und einziger Nachkömmling der Lipshitz-Familie, erzählt von seinem bisherigen Leben, seinen veröffentlichten Romanen und seinem Job als Bar-Mizwa-DJ und Eminem-Double. Seine Eltern kommen bei einem Autounfall ums Leben, und er reist zurück in seine Heimat, um an der Beerdigung teilzunehmen. Nicht nur der Stoff des Romans ändert sich hier, sondern auch der bisherige Stil: Die ersten zwei Drittel sind in einem nüchtern-sachlichen Stil erzählt, orientiert an groß angelegten Familienromanen. Im letzten Drittel hält ein poppiger Trash-Ton Einzug, gespickt mit Ausdrücken wie „verdammt“, „Scheißbuch“, „Scheiße“. Das ist nicht jedermanns Sache, und wem dies nicht gefällt, kann das Buch auch einfach nach den ersten zwei Dritteln zuschlagen und hat eine wunderbare, einfallsreiche, genau recherchierte Familiengeschichte gelesen.
Aber er würde etwas verpassen: Denn tatsächlich bekommt Lipshitz durch diesen Teil des Buches eine zusätzliche Dimension. Das Spiel mit autobiografischen Elementen aus dem Leben von T – wie viel letztlich autobiografisch ist, lässt sich schwer klären, immerhin stimmen jedoch große Züge aus dem Leben von T und dem Roman überein –, die Frage nach seinem Geschlecht und damit seiner Identität, die im Klappentext wohlweislich verschwiegen wird, das Vorhaben von T, endlich die Geschichte seiner Familie zu fixieren – all diese Elemente eines modernen Romans kommen im letzten Teil zum Tragen und machen Lipshitz so zu mehr als einem wunderbaren Familienroman: Sie machen ihn spielerischer, leichter, aber auch tiefgründiger und auf eine angenehme Weise experimenteller.
Katharina Bendixen
T Cooper: Lipshitz. Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. marebuchverlag 2006. Hardcover. 490 Seiten. 24,90 Euro.