Walter Kempowski: Alles umsonst
25.09.2006
„Bamm-Bamm“ und „Ding-ding“
Walter Kempowski ist seiner Chronisten-Rolle wieder gerecht geworden, denn die Schilderungen in Alles umsonst wirken authentisch, und die unterschiedlichen Charaktere der Figuren sind glaubhaft gezeichnet. Doch mit der sprachlichen Umsetzung hat der 77-jährige Autor sich und seinen Lesern keinen Gefallen getan.
Es ist üblich geworden, dass Kritiker unkorrigierte Vorabexemplare zu lesen bekommen. Aber was bedeutet dies bezüglich eines zur Veröffentlichung anstehenden Romans angesichts einer selten erlebten Häufung von grammatischen „Vergewaltigungen“, Handlungswidersprüchen und peinlichen Stilblüten? Im besten Fall, dass das Lektorat noch viel Arbeit investiert hat, damit der lesende Endverbraucher ein „besseres Produkt“ in die Hände bekommt.
Walter Kempowski erzählt von einer Familie namens von Globig, die auf einem alten Gutshof in Ostpreußen lebt. Wir befinden uns im bitter-kalten Kriegswinter 1944/1945. Die russischen Truppen stehen nicht mehr weit entfernt vom Städtchen Mitkau, und unendliche Flüchtlingstrecks ziehen gen Westen.
„Gutsherr“ Eberhard von Globig befindet sich als Wirtschaftsoffizier im Kriegsdienst, seine introvertierte Ehefrau Katharina liest viel, ist aber nicht an der Führung des Gutes interessiert. Seit zwei Jahrzehnten gehört ein aus Schlesien stammendes „Tantchen“ als „Mutter der Kompanie“ zum Haushalt. Nicht nur wegen dieser aus Schlesien stammenden Helene Harnisch fühlt man sich ein wenig an die thematisch ähnlichen Romane der vier Jahre älteren Leonie Ossowski erinnert.
Wie Vorboten des bevorstehenden „Untergangs“ kommen ständig Besucher ins Haus, die von Kälte und Hunger gezeichnet dort eine Herberge finden und deren Lebensgeschichten in den Roman integriert sind. Ein Nationalökonom, eine Geigerin, ein Maler, dazu der in Mitkau ansässige Studienrat, der dem aufgeweckten, aber wie seine Mutter in sich gekehrten Sohn Peter Privatunterricht erteilt. Der 12-Jährige verbringt einen großen Teil seiner Freizeit (in Gedanken versunken) mit Fernrohr und Mikroskop. Dann gibt es noch den zwielichtig gezeichneten Bürgermeister Sarkander, von dem wir (immer wenn er auftaucht) erfahren, dass er ein „steifes Bein und Schmisse an der Wange“ hat. Aus vagen Andeutungen nährt sich die Vermutung, dass Frau von Globig mit ihm ein Verhältnis unterhalten könnte.
Katharina erträgt die „Störungen“ auf dem Georgenhof mit viel Gelassenheit; sie hält die politischen Wirren der Zeit nur für ein Intermezzo und schenkt den Schilderungen ihrer Gäste kaum Gehör. Später wird sie verhaftet, weil sie einem Juden geholfen hat, so dass sich nur Sohn Peter und das Tantchen in buchstäblicher letzter Sekunde dem Flüchtlingstreck anschließen können. Bei einem Fliegerangriff wird das Tantchen förmlich zerfetzt, Peter ist allein auf sich gestellt.
Glaubhafte Charaktere
Walter Kempowski ist seiner Chronisten-Rolle wieder gerecht geworden, denn die Schilderungen wirken authentisch, und die unterschiedlichen Charaktere der Figuren sind glaubhaft gezeichnet. Doch mit der sprachlichen Umsetzung hat der 77-jährige Autor sich und seinen Lesern keinen Gefallen getan. Seine Simplifizierungen wandeln nicht nur haarscharf auf der Schwelle zum Kitsch, sondern sie verhalten sich geradezu antagonistisch zur Handlung. „Bamm! schlug die Standuhr, bamm!“ Und wenig später heißt es noch einmal zur Untermalung: „Bamm, machte die Standuhr, bamm!“ und „ding-ding-ding“ die Uhr im Billardzimmer. Diese verbalen Verniedlichungen wirken angesichts des drohenden Infernos geradezu idyllisierend.
„Es roch nach reifen Äpfeln in ihrem Zimmer und nach verwesenden Mäusen, aber es war gemütlich.“ Da rümpft man sogleich die Nase und zieht – den Autor verteidigend – gedanklich die Möglichkeit eines stark subjektiven Empfindens in Erwägung.
Anders dagegen verhält es sich mit der falschen Verwendung der Pronomen in Sätzen wie „Das Tantchen hatte auch so ihre Gedanken. Unter der Decke war eine Lampe angebracht, dessen milchiger Glasschirm …“ Es ist nicht immer ein Vergnügen, im Wettlauf mit dem Erscheinungsdatum die Vorabexemplare lesen zu müssen. Bleibt zu hoffen, dass das Lektorat den einen oder anderen (nicht nur grammatischen) Schnitzer ausgemerzt hat. Falls nicht, war wirklich „alles umsonst“, denn einen Satz wie „Der Hund setzte ein paarmal an, ob er nicht auch seinen Gefühlen freien Lauf lassen sollte und sich auf seine Weise beteiligen an diesem Konzert, aber er ließ es dann doch bleiben“ möchte man bei einem fraglos verdienstvollen Schriftsteller wie Walter Kempowski einfach nicht lesen.
Peter Mohr
Walter Kempowski: Alles umsonst. Roman. Knaus Verlag 2006. 381 Seiten, 21,95 Euro.