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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:13

 

Paulus Hochgatterer: Die Süße des Lebens

25.09.2006

 
Von irren Ärzten und Kindern

Wie gewohnt witzig, unprätentiös und mit einem gehörigen Schuss Frechheit kommt Paulus Hochgatterers neuer Roman
Die Süße des Lebens daher. Aber auch dunkler, verstörender und komplexer als seine Vorgänger. Ein Whodunit mit faszinierenden Charakteren, dessen Spannungsenergie nach Buchende nicht aufgebraucht ist.

 

Wie seine Kollegen Benn, Schnitzler und Tschechow ist Paulus Hochgatterer praktizierender Mediziner, der seinen kinderpsychiatrisch geschulten Blick für sein Schreiben produktiv macht. Mit der Kurzen Geschichte vom Fliegenfischen – oberflächlich betrachtet eine Einführung in die Kunst des Fliegenfischens, im Eigentlichen ein Ausflug in die Untiefen der Imagination – gelang ihm 2003 der längst ausständige Durchbruch am Erwachsenenbuchmarkt. Bis dahin war Hochgatterer vor allem als Jugendbuchautor wahrgenommen worden, der nicht so recht ins ernste Fach passte und mit dem sich die Kritik daher eigentümlich schwer tat. Derweil sprühen seine Werke vor Witz, Esprit und Menschenkenntnis, überzeugt er mit einem sprachlich eigenständigen Ton, der jene anklagend-pessimistische Note missen lässt, mit der die für ihre Sprachkritik gerühmte österreichische Literatur oft aufwartet.

In Die Süße des Lebens versucht das Team um Chefermittler Ludwig Kovacs einen grausamen Mordfall in einer typischen österreichischen Kleinstadt zu lösen. Was das Buch so lesenswert macht, sind seine Charaktere, die sprachlich und milieubezogen genau gezeichnet sind. Kovacs ist einer jener Kommissare zeitgenössischer literarischer Krimis, die mehr als spleenige Privatperson denn als Kommissar überzeugen und gar nicht erst versuchen, in einer Welt der moralischen Indifferenz erzieherisch zu wirken. Die beschauliche Fünfunddreißigtausend-Seelen-Gemeinde mit ihrem feinmaschigen Sozialgefüge bietet einen fruchtbaren Boden für das Krimi-Kammerspiel, in dem je nach Kapitel unterschiedliche Handlungsträger in den Vordergrund treten.

Da ist ein kleines Mädchen, Zeugin des Mordes, das posttraumatisch verstummt und psychiatrischer Behandlung bedarf. Da ist ein Brüderpaar mit einem Faible für Rollenspiele, das es in seinem Habitus mit der notorischen „hooded youth“ in Großbritannien aufnehmen kann. Da gibt es den schizoiden Benediktinerpater, der die Gottesdienste nur mit seinem iPod und Bob-Dylan-Liedern in den Ohren übersteht und Gedanken hegt, die einen an seiner Nächstenliebe-Mission arg zweifeln lassen. Wie immer brillant bei Hochgatterer sind die Gespräche unter der Ärzteschaft des regionalen Krankenhauses, wo – im Umfeld von Krankheit und Tod – vermutlich wie im realen Leben Witz und Sarkasmus, ebenso aber niedrige Affekte wie Neid und Missgunst regieren. Die Therapiestunden des Kinderpsychiaters Horn und das erste Kapitel, das aus Sicht des Mädchens fokussiert ist, erlauben instruktive Einsichten in die kindliche Psyche, wie man sie so überzeugend von belletristischer Seite selten liest.

Bis zur letzten Buchseite bleibt offen, wie die Geschichte ausgehen wird. Einzelne Mosaiksteine, die der Leser in sein Bild über das Verbrechen, die Stadt und ihre Bewohner einpassen kann, sammeln sich an; das „bigger picture“ wird nie fassbar. Manche Motivationen liegen außerhalb der erzählten Welt in biografischen Tiefen. Zwar kommt es am Ende zur Auflösung des Mordes. Das Beunruhigende und zugleich Beglückende ist, dass die Erzählung bis dahin eine Eigendynamik entwickelt hat, die ein Nachdenken über weitere geschehene und ungeschehene Taten geradezu initiiert.

Kristina Werndl


Paulus Hochgatterer: Die Süße des Lebens. Zsolnay-Verlag 2006. 293 Seiten. 19,90 Euro.

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