Gail Jones: Der Traum vom Sprechen
01.10.2006
Die Poetik der Moderne
Poetik im Allgemeinen handelt nicht nur vom Erhabenen und Schönen – die Poetik der Moderne im Besonderen schon gar nicht. Der Atompilz, der als Leitmotiv über ihr schwebt, leuchtet auch in diesem seltsamen, guten Roman, in dem die australische Autorin Gail Jones selten nach Worten sucht. Das hätte sie ab und an mal tun sollen.
Als Schlagwort wirkt die Poetik der Moderne ziemlich groß, aber auch veraltet, wie ein erhabenes Artefakt aus der Zeit der großen Literaturtheorie, als man ehrfürchtig nach Frankreich schaute und sehr berechtigt hoffen konnte, in regelmäßigen Abständen einigermaßen gewagte Theoriekonstrukte entgegen zu nehmen, nach Frankreich, wo Foucault über Wahnsinn, Sexualität und Wahrheit philosophierte und vielleicht die nachhaltigsten Poetiken der Moderne schuf. Der Begriff wirkt schwer und normativ, und es scheint so zuerst ganz absonderlich, dass Jones ihn mit einer leichten, poetischen Sprache greifen will, die manchmal einfach zu sorglos wirkt. Aber gemach – zuerst zurück nach Paris, wo weite Teile der Handlung nun mal spielen. Die Protagonistin Alice, in der sich Jones möglicherweise wieder findet, möglicherweise auch nicht (zumindest kann man annehmen, dass ihr als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin der Begriff und die Suche nach seiner Definition keine Fremden sind – ohne dass der Roman etwas Scholastisches hätte), zieht aus der westaustralischen Einöde in die französische Hauptstadt, die ihr überhaupt erst einen Untersuchungsgegenstand zu liefern scheint: ihr Blick richtet sich auf die ganz alltäglichen Dinge, auf ganz kleine Dynamiken und Mechanismen, die so selbstverständlich sind, dass man sie nicht mehr als menschengeschaffen wahrnimmt – das Blinken der Neonröhren etwa. Das mag ein ehrenwertes Anliegen sein, aber keines, mit dem man eine Wissenschaftlerin nach Paris entsendet – von einem Auftrag erfährt man also nichts, und die Frau scheint ganz für sich allein zu arbeiten, unabhängig, bis sie einen unwahrscheinlichen Freund trifft. Herr Sakamoto, Überlebender der Bombe, die im August 1945 Nagasaki zerstörte. Auch er sucht nach der Poetik der Moderne, wenn auch seine Motive andere oder vielmehr: überhaupt sind. Alice scheint nie formulieren zu wollen, warum sie auf ihrer Suche ist, und man erfährt vom Erzähler nicht genug über sie, als dass man mehr als vage Ahnungen anstellten könnte – er aber, Sakamoto, sucht, weil er immer noch Lust an funktionierenden Mechaniken hat, als Überlebender einer A-Bomben-Explosion vielleicht umso mehr. Seine Lebensaufgabe sieht er in einer wälzerhaften Biographie von Alexander Graham Bell, Erfinder des Telefons, und in Sakamotos Worten hört sich die prosaische Fortbewegung von Schwingungen an wie reine Magie, wie etwas, das auch ein wenig Seele hin- und herbewegt.
Intellektuelle Verklärung
Zwischen beiden, Alice und Herr Sakamoto, entwickelt sich schnell eine sehr gesprächsintensive Freundschaft, und anders kann es auch nicht kommen, sind doch beide hoffnungslose Romantiker, die wehmütig schwelgen und eine intellektuelle Verklärung um selbst einfache Alltagsgegenstände, wie eben das Telefon, weben. Die grundsätzliche mechanische Funktion wird verklärt, ihre öffentliche Verwendung ist dann aber nur noch banal: „Kurz nach der Einführung war Alexander Bell mit lächerlichen öffentlichen Werbeveranstaltungen beschäftigt.“ Wenn das ein Versuch sein soll, die mystische Tiefe von Erfindungen wie dem Kopiergerät (ein anderes von Sakamotos Steckenpferden) auszuloten, die Magie hinter den einfachsten Dingen – dann scheitert er. Ein Kopierer wird nicht erhaben und bewundernswert, nur weil man ihn in feiner Sprache reflektiert, wie es Sakamoto tut: seine Erklärungen lesen sich manchmal wie Texttafeln aus einem Museum für Bürokultur. Alice hört aber gespannt zu, und ihre Zivilisationsmüdigkeit kann nur in der Großstadt so richtig zum Tragen kommen, nicht etwa in der westaustralischen Wüste; die Poetik, die sie schreiben will, nimmt ihr japanischer Freund ihr gedanklich aus der Hand, bis er ganz für sie spricht und ihre Erfahrung der Moderne für sie artikuliert. Allein, er ist alt, krank, kehrt nach Japan zurück und ist im Verlauf der Handlung bald auch tot, hingestreckt von einem Schlaganfall. Kaum fällt er als erklärende Instanz weg, tappst Alice nur noch orientierungslos herum, findet sich, als sie ihrem kranken Freund nach Japan nachreist, nicht in den einfachsten Alltagshandlungen zurecht (das kann freilich auch einfach an Japan selbst liegen – Tokyo und andere japanische Städte lassen sich mit regulären Straßenkarten wahrscheinlich nicht besiegen und, wie Hiroshima und Nagasaki beweisen, auch mit Nuklearwaffen nicht) und merkt – ohne Sakamoto ist da nur Tod und Chaos, übersteigert in ihrer zitternden Erfahrung des A-Bomben-Museums in Nagasaki, das sie eigentlich nur pro forma besuchen will.
Versuch, die Moderne zu verstehen
Man fühlt mit ihr, der Erzähler tut es, denkt sich in sie ein und bleibt doch relativ distanziert, trocken und, man muss es sagen, manchmal einfach langweilig und ohne rechtes Timing. Vielleicht liegt es an dieser mangelnden Perspektive, dass Alice an jedem Punkt ihrer sozialen Umgebung entfremdet scheint – ihrem (Ex-)Freund Stephen, der ihr nach Paris folgt, ihrer Schwester, von deren Krebssiechtum sie nur mit Verspätung erfährt und, natürlich, ihren Eltern, die sie, wie sie zuletzt herausfindet, adoptiert haben. Und doch ist da Hoffnung. Schließlich hat sie Sakamotos menschliche Version der Moderne verinnerlicht und gibt das Wort, wie Jünger und Jüngerinnen es gerne tun, weiter an ihre rekonvaleszente Schwester, deren Heilung gewissermaßen damit ansetzt. Vielleicht will der Roman uns alle heilen, wegbringen von der routinierten Verrichtung der täglichen Mechaniken, um das Wundersame dahinter zu entdecken, zurück zu der naiven, echten, dankbaren Begeisterung, die Alexander Bell hatte, als er merkte, dass seine Erfindung tatsächlich Stimmen transportieren konnte. Vielleicht ist es der Traum vom Sprechen, den der Leser haben soll, die „Intimität der gesprochenen Worte“ in einer zunehmend sprachverhunzten Welt der E-Mail-Kommunikation – das Internetcafé, das Alice an einer Stelle besucht, wirkt wie eine brummelnde Giftküche greller Lichter. Natürlich lässt sich fragen, ob eine Poetik der Moderne nicht auch die Dynamiken von Computer und Internet beinhalten sollte oder muss – einen Einschluss, den der Roman erst gar nicht versucht. Aber irgendwo ist die Suche nach einer Poetik oder überhaupt einem Verstehen (und nicht einfach nur Hinnehmen) der Moderne auch nicht mehr zeitgemäß, und das bedauert der Roman allerdings sehr gekonnt.
Daniel J. Gall
Gail Jones: Der Traum vom Sprechen. Deutsch von Conny Lösch. Verlag Lutz Schulenburg (Edition Nautilus) 2006. Gebunden. 221 Seiten. 22,00 Euro.
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