Deutscher Buchpreis 2006 für Katharina Hacker: Die Habenichtse
03.10.2006
Panorama der Orientierungslosen
Katharina Hacker bietet in ihrem Roman ein Panorama gestrandeter und orientierungsloser Figuren aus den verschiedensten Milieus und schafft eine suggestiv-sterile Atmosphäre, in der alle Gefühle eingefroren zu sein scheinen.
Isabelle und Jakob, zwei Mittdreißiger, treffen sich nach Jahren der Trennung auf einer Party in Berlin wieder. Mitten im Schicki-Micki-Gehabe der Szene-Kneipe "Würgeengel" kommen sich der Anwalt und die Grafikerin wieder näher. Doch die frisch erblühende Liaison scheint unter keinem guten Stern zu stehen, denn es ist der 11. September 2001. Auch einen weiteren Wink des Schicksals ignoriert das Paar. Jakob erhält in einer renommierten Londoner Kanzlei den Job eines, beim Anschlag auf das World Trade Center getöteten Kollegen. In Windeseile wird geheiratet. "Es ist so passend", erklärt Isabelle einer Freundin.
Man ahnt schon früh, dass Autorin Katharina Hacker, die schon in ihren beiden Vorgängerwerken Der Bademeister und Eine Art Liebe ihr großes Talent unter Beweis gestellt hat, das Paar gegen die Wand laufen lassen wird. Diese beiden, an Selbstzufriedenheit und emotionaler Teilnahmslosigkeit kaum zu überbietenden Personen richten sich ausgerechnet im "unstandesgemäßen" Londoner Norden ein - in Nachbarschaft mit Junkies, Dealern, brutalen Gangs und prügelnden Nachbarn, den wahren Habenichtsen.
Doch was haben Isabelle und Jakob diesen "social underdogs" voraus? Sind sie nicht innerlich ähnlich verroht? Sind ihre Ideale nicht mindestens ebenso fragwürdig, und das sogar aus unlauteren Motiven?"Gerechtigkeit, dachte er, gab es nur, wo sie sich materialisieren konnte, in Grundbucheintragungen, Verkaufsverträgen, notariellen Beglaubigungen", beschreibt Anwalt Jakob sein Credo. Der Jurist, der so lange auf Isabelle, seine große Liebe gewartet hat, interessiert sich mehr und mehr für seine Karriere und seinen homosexuellen Chef Bentham. Steckt taktisches Kalkül dahinter, oder arbeitet Katharina Hacker bewusst mit einem doppelten Outing?
Leidenschaft nur beim Schuhkauf
Auch Isabelle, die einzig beim Schuhkauf echte Leidenschaft zeigt, fühlt sich plötzlich zu einem anderen Mann hingezogen - zum Drogendealer Jim aus der kriminellen Nachbarschaft. Den Reigen der gestrandeten Figuren komplettiert das, von seinen Eltern im Nachbarhaus brutal misshandelte Mädchen Sara. Einzig deren Bruder Dave zeigt in diesem Panorama der Orientierungslosen tugendhafte Charakterzüge, in dem er seine Schwester beschützen will.
Die Welt gerät mehr und mehr aus den Fugen, die Grenzen (auch die moralischen) zwischen den sozialen Klassen fallen, und die äußere Bedrohung wächst durch Englands Eintritt in den Krieg gegen Saddam Hussein. Katharina Hacker, Jahrgang 1967, evoziert eine bedrückende Atmosphäre, ein Klima der Ignoranz, eine sterile Eiseskälte, in der alle Gefühle eingefroren sind. Ohne vordergründiges Moralisieren gelingt es der Autorin, die Perspektivlosigkeit ihrer Figuren messerscharf nachzuzeichnen und sie als passive Beobachter ihres eigenen Lebens zu demaskieren. Junge Leute, die sich wie ferngesteuert durch den Alltag lavieren und ihr Leben eigentlich schon hinter sich haben. Ein verstörendes Panorama einer "lost generation", ein Roman, der durch seine paradigmatischen Antihelden seine Suggestionsenergie bezieht.
Peter Mohr
Katharina Hacker: Die Habenichtse. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt, April 2006. 309 Seiten. 17,80 Euro (SFR 32,30). ISBN: 3518417398