Maurus Federspiel: der verlorene Sohn
04.10.2006
Wenn der Sohn ohne den Vater...
Ein Erstling, das ist immer ein Ereignis! Der Kritiker freut sich, denn eine neue Stimme mischt sich in den Chor der Literaten hinein. Man liest erste Kritiken, und da steht verheißungsvoll: „Ein starkes Gesellenstück, dass eine gute Portion Öffentlichkeit verdient!“ Soweit Thomas Widmer von der Weltwoche. Doch dann folgt die Lektüre, und die wolkigen Traumgebilde reiben sich die Bäuche wund an der Realität...
„Der verlorene Sohn“ ist die Geschichte von Dennis Gutson, einem durchaus amüsanten Widerling, der - hat er mal wieder keinen Pfennig Geld in den Taschen - von seiner Geliebten einen Packen CDs klaut, um sie im nächstbesten Secondhand-Laden zu verticken. Dennis ist ein Egomane, glaubt dabei, ein echter Lebenskünstler zu sein, ist vor allem aber nur eines: ein beständiger Nonsens-Fabulant. Als Dennis schließlich die bezaubernde Marie-Julie gewinnen will, verleugnet er sogar seine Freundin. Darauf trifft ihn eine teuflische Bestrafung: Seine Lügen werden real, und seine Freundin tatsächlich aus dem Leben radiert. So weit, so nett. Doch was in der ersten Hälfte schon schwer an der stilistischen Erträglichkeitsgrenze torkelt, stürzt in der zweiten Hälfte des Romans dann vollends ab. Es wir so krude und verwuchert, dass man nur denkt: „Maurus, dein Nabel? Unser Babel!“Und es kommt schlimmer. Der verlorene Sohn ist nicht nur handwerklich schlecht, er wurde darüber hinaus auch nicht lektoriert (wie auch bei einem parapsychologisch orientierten Verlag?), ist voller störender Fehler, schlampig gesetzt, schlecht gebunden – ein umfassendes Ärgernis für den, der es erwirbt.
Trauerarbeit
Einen Erstling so ungeprüft, so unbearbeitet auf den Markt zu lassen, bedeutet die vorzeitige Beerdigung eines jungen Autors, der vielleicht das Talent seines Vaters, Jürg Federspiel, erworben hat, es hier in großer Nacheiferungsgeste aber gründlichst verspielt. Die Grundidee ist nett und hätte das Zeug zu einem durchaus amüsanten Buch. Was Maurus Federspiel aber daraus macht, ist von so intellektueller, poetischer und lustiger Gewolltheit, dass der Leser sehr bald an diesem Kruditätenkabinett verzweifelt. Die Szenen sind nicht plastisch, das Witzige verliert sich fast durchgehend im Albernen, von Psychologie kaum eine Spur, dazu verzweifelte Versuchsballons des Poetisierens - diesen Eintopf kriegt keiner runter, so hungrig er zuvor auch war. Und so endet der Griff eines jungen Autors ins Großgeartete, ins Titanenhafte mit einer Handvoll dünner Höhenluft.
Christoph Pollmann
Maurus Federspiel: Der verlorene Sohn. Turan-Verlag 2006. 366 Seiten. 12,90 Euro.