Shashi Tharoor: Bollywood
06.10.2006
Korrupt bis in die Haarspitzen
Shashi Taroors Roman Bollywood schaut nicht nur hinter die Kulissen, sondern ist zugleich ein scharfes, tiefgründiges Porträt der indischen Gesellschaft.
Der Literaturliebhaber mag angesichts des Bollywoodfilms die Nase rümpfen, aber gerade deshalb muss er Shashi Taroors Roman Bollywood lesen. Die Helden des indischen Films sind einseitig überzeichnete Figuren, die entweder nur gut oder nur böse sind. Abstufungen gibt es nicht. Jedem, der bei Romanfiguren Tiefe schätzt, muss das ein Graus sein. Aber in dieser Einseitigkeit hat das indische Kino viel mit religiösen Mythen gemein und darin liegt auch sein Reiz. Die klischeegetränkten Charaktere ergehen sich in Tanz- und Singdarbietungen, die vor dem abgeschmacktesten Kitsch nicht zurückschrecken und natürlich: Das Gute siegt immer. Auch hierzulande besteht eine enorme Begierde nach der heilen, einfachen Welt. Deshalb beginnt das westliche Publikum der naiven Verführung des indischen Kinos allmählich zu erliegen. Wenn man aber selbst einmal eine Bollywood-Vorstellung in Indien oder London besucht hat, weiß man, dass es in der Tat auch für den kritischen Zeitgenossen schwer ist, sich der Kollektivekstase zu widersetzten. Die Wirkung dieser Art Filme reicht von Albernheit bis zu enthemmtem Tanz.
Die Leistung von Taroor besteht darin, dass er uns diesen Reiz nicht vorenthält. Er versüßt ihn sogar noch zusätzlich durch urkomische Produktionsszenarien, die beim Dreh der akrobatischen Tanz- und Stunt-Szenen und beim gleichzeitigen Singen von schwülstigen Texten nicht ausbleiben. Aber nicht nur in der Produktion schaut er hinter die Kulissen, sondern er nutzt den Bollywoodfilm auch für ein scharfes und tiefgründiges Porträt der indischen Gesellschaft mit all ihren unterschiedlichen Facetten. Dieses Porträt sagt aber gleichzeitig sehr viel über uns aus. Denn nicht nur der indische Film mit seiner Doppelmoral erfreut sich hier größter Beliebtheit, auch die indischen Philosophie, oftmals verwässert zur billigen Esoterik, wird häufig unhinterfragt übernommen.
Taroors Held Ashok Banjara kommt aus einer Politiker-Familie, die der indischen Korruption moralisch trotzt, und will Schauspieler werden. Dieser Wunsch sorgt schon früh für Differenzen zwischen Ashok und seinem Vater. Dennoch verfolgt er seinen Weg und schafft es tatsächlich, in Bollywood anzukommen. Das Buch setzt ein mit Ashoks erstem Film. Der Ärmste treibt den Choreographen zur Verzweiflung, da er kein Rhythmusgefühl hat. Auch seine Tanzpartnerin kocht vor Wut, da ihre gemeinsame Szene unendlich oft wiederholt wird. Sie ist eine alternde Bollywooddiva, und zu allem Überfluss niest ihr Ashok kurz vor dem romantischen Filmkuss ins Gesicht. Wutentbrannt stürmt sie in ihre Gardarobe. Der Produzent ist wütend. Ashok wird geschickt, den launischen Star zur Rückkehr zu bewegen. Er schafft es nicht nur, die Dame, die sich als erstaunlich lebensklug erweist, mit ihm zu versöhnen. Nein, diese findet auch noch eine Lösung für seine Tanzprobleme. Zum Dank öffnet Ashok der Diva, die sich unter Wirkung von Schlafmitteln befindet, den BH, um sich die alternde Pracht zu Gemüte zu führen. So viel zur Schlitzohrigkeit von Taroors Held. Ashok spielt immer den Guten, ist aber selbst korrumpiert bis in die Haarspitzen.
Wechselnde Perspektiven
Das interessante an Bollywood ist sein Aufbau. Taroor wechselt die Perspektiven, einige Kapitel erzählt Ashok, der durchaus fähig ist zur Selbsterkenntnis, jedoch nicht im Entferntesten daran denkt, sich zu ändern. Mal werden die Bollywoodfilme nacherzählt, die durch fortschreitende Einsicht in das Romangeschehen neue Dimensionen entfalten. Dann kommen Ashoks Frau, Geliebte, Familie sowie andere Schauspieler zu Wort. Den Grund für diese Anordnung erfährt der Leser erst am Ende des Buches. Nicht nur die Figur Ashoks gewinnt an Tiefe, sondern man bekommt ein Bild der unterschiedlichen Figuren, ihrer Verbindungen und der Korruption der indischen Gesellschaft. Zum Beispiel ist da die Klatschkolumnistin Cheetah, deren gnadenlos perfide Kolumnen die Filmszene in Atem hält. Ashok wird zum Interview zu ihr eingeladen, und allein für diese Begegnung und die Beschreibung der Physiognomie dieses Urgesteins Bollywoods lohnt es sich, diesen Roman zu lesen: „Sie hatte ein bleiches an eine Totenmaske erinnerndes Gesicht, das allerdings so wirkte, als hätte der Mann, der die Leiche für die Beerdigung herrichten sollte, sich mit boshafter Sorgfalt darum bemüht, einen möglichst bizarren Gesamteindruck zu erzeugen.“ Der langbärtige Guru Tool leckt sich die Lippen angesichts der Vorfreude auf die fleischlichen Freuden der geistigen Durchdringung der jungen Bollywooddiven. Er scheint der Beelzebub in hinduistischer Inkarnation zu sein. Unser Held Ashok verliert sich in diesem intriganten Minenfeld. Das interessante am indischen Film ist, dass die Zuschauer keine Trennung zwischen der Filmrolle und der Person des Schauspielers machen. Das verleiht Ashok, der immer den Guten spielt, eine ungeheure Macht, die er oft genug für seine eigenen halbseidenen Zwecke nutzt.
Die Tatsache, dass der viel beschäftigte Taroor, der für die UNO in Serbien arbeitet und lange Assistent von Kofi Annan war, ein ebenso originelles wie tiefgründiges Werk schreiben konnte, ist beachtlich. Bollywood ist ein Genuss für alle: die, die Bollywood lieben und die, die es verachten.
Susanne Kirsch
Shashi Tharoor: Bollywood. Übersetzt von Peter Knecht. Insel Verlag 2006. 413 Seiten. 22.80 Euro.
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