Vikram Chandra: Der Gott von Bombay
06.10.2006
Biblisch, episch, monumental
Chandra ist einer dieser Autoren, die keine Hemmungen haben, eine Geschichte auch mal breit zu machen – was er mit seinen Vorgängerromanen bewiesen hat, treibt er nun zur Perfektion und legt einen Stadtroman vor, der dem riesigen Bombay gerecht wird.
Wer eine Saga schreibt, der ist eigentlich zu faul, eine Geschichte so lange zurecht zu schneiden, bis sie greifbar ist. Gut, das ist ein schwaches Vorurteil, aber was Vikram Chandra hier vorlegt, ist schon biblisch, episch – monumental, noch bevor man auch nur den Deckel aufschlägt und schüchtern beginnt. Sieben Jahre Arbeit hat Chandra, nach eigenen Angaben, in sein Werk gepackt und eine Erzählung geschaffen, der nicht viel fehlt, um in der erhabenen Liga von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit erfolgreich vorne mitzuspielen. Gerade erschien der erste Teil – Der Gott von Bombay – der zweite Teil, Bombay Paradise, wird für Ende des Jahres erwartet – vielleicht musste man auf halbem Wege die zu Tode gearbeiteten Übersetzerinnen austauschen, vielleicht will man auch die Leserschaft nicht überfordern.
Chakram kauft man so einen Wälzer offensichtlich ab, auch im ganz wörtlichen Sinne – die Höhe seines Vorschusses muss, hört man, der seines Romans nicht nachgestanden haben. Die ersten beiden Geschichten, mit denen sein Oeuvre anhob, waren ja auch durchaus sehr erfolgreich, wurden weit übersetzt und auch verfilmt – mit seinem neuen Roman kommt er nun in der Welt der großen Erzähler an. Was ist für den Schreiber Chakram ein Bezugspunkt – Indien, die USA? Chandra lebt teilzeitig in den USA, hat dort auch studiert und unterrichtet und schreibt natürlich – „natürlich“ – in Englisch, durchsetzt aber gerade den Dialog seiner Charaktere mit Hindi-Ausdrücken, um den in Mumbai weitverbreiteten Bambaiyya-Hindi-Slang nachzuahmen (ein Vokabel-Teil hängt im Glossar an), ein wenig Authentizität kann schließlich nicht schaden – ist aber auch nicht wirklich nötig in einem Roman, der, scheint es, ohnehin jeden kleinsten Winkel und jede Charakteristik der Stadt literarisch nachempfindet.
Literarisches Doppelerbe
Es wäre nicht fahrlässig, ein literarisches Doppelerbe auszuloben – natürlich, seine Szenerie ist durch und durch indisch, sein Mumbai/Bombay ist tief recherchiert und erarbeitet (die begleitenden Recherchen müssen wohl zahlreiche Exkursionen in die mafiöse Unterwelt der Stadt involviert haben), aber Erzählung und Stil sind anglo-amerikanisch, mit einer besonders nachdrücklichen Betonung auf dem ersten Partikel: Wie er seine Charaktere verankert, mit einem trotzigen Sinn für ihren Platz ausstattet, und wie er sie von einem starken, wohlmeinenden Erzähler eskortieren lässt – das ist gute englische Erzähltradition, die man locker bis ins viktorianische Zeitalter verfolgen könnte. Für Dickens und Thackeray ist hier aber wirklich nicht der Platz, schließlich wartet da noch diese Geschichte wie ein literarischer Nanga Parbat.
Ein Versuch also, die wichtigsten Handlungsstränge anzureißen: Die Geschichte hebt sich an wie ein Krimi, unter Aufruf aller wichtigen Konventionen, die für einen solchen zur Verfügung stehen. Der Protagonist Sartaj Singh ist ein alleinstehender Kriminal-Inspektor, geschieden, mit einem etwas langsamen Assistenten und reichlich weiblichen Verehrern, mit denen er, der schweigsame Arbeiter, nichts anfangen will. Er ist auch der einzige Sikh-Inspektor der Mumbai’schen Polizei, zudem Sohn eines (pensionierten) Sikh-Inspektors und ein souveräner Meister seiner Polizei-Geschäfte (samt obligatorischen Schmiergeld- und Gefälligkeitszahlungen und Geldtransfers auf Schweizer Banken – irgendwo muss man ja das eingenommene Geld anlegen) – seine Perspektive ist sicher keine Minderheitsperspektive, sein besonderer Status als Sikh allerdings wird als Motiv herausgearbeitet. Plötzlich nun erhält er eine heiße Spur auf den umwobenen Gaitonde, einen Mafia-Granden der Stadt und hat somit einen Fall, in dem reichlich Prestige steckt und den er mit überzeugender Gewalt löst: er lässt den Eingang zu Gaitondes Versteck mit einem Bulldozer planieren und findet ihn – tot, erschossen. Dieser Stürmung geht eine Belagerung voraus, in der sich Inspektor und Gangster an der Gegensprechanlage austauschen, Stunde um Stunde – bevor er sich umbringt erzählt der Mafia-Boss noch einmal den Beginn seiner Unterweltkarriere und setzt damit auch den Ton für den Rest des Romans.
Postmortem Ermittlung
In die Postmortem-Ermittlungen schaltet sich schnell der Geheimdienst ein, und Singh merkt, dass er an etwas Großem ist, taucht bereitwillig in die Geschichte ein - er ist geschieden, hat reichlich Zeit und allen Grund, seiner etwas lahmen Karriere ein paar Beine zu machen. Einen Triumphzug erlebt er nicht, und eigentlich verliert er sich immer mehr in dem Stoff, den er mit Gaitondes Leben recherchiert. Der tote Pate verbrachte gute Teile seines Lebens damit, vor der Polizei zu fliehen, und damit hört er, übertragen, nicht auf, jetzt wo er tot ist – wenn Singh seine Lebensgeschichte jagt, dann wohl, weil er sich ihm verbunden fühlt: Da finden sich posthum zwei einsame, konzentrierte Profis, deren geistiger Abstand, bei allem Recht und Unrecht, doch recht klein ist. Glücklicherweise ist die Geschichte nicht so dicht, dass man nicht ab und an ein oder zwei (Dutzend) Seiten überspringen könnte, was dieser Leser hier natürlich (natürlich!) niemals tun würde. Die Geschichte ist elegant und sehr gekonnt ausgeführt, und der erste Teil macht Lust (oder doch eher Angst?) auf den zweiten.
Daniel J. Gall
Vikram Chandra: Der Gott von Bombay. Aus dem Englischen von Barbara Heller und Karin Bazum. Gebunden. Aufbau-Verlag 2006. 850 Seiten. 24,90 Euro.
|
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Sorry wegen dem Auge
Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Ein Geheimtipp der deutschen Literatur
Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...
Seid umschlungen Millionen
Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Lämmer in der Obhut von Wölfen
Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...
Schweizer Käse!
Fromage suisse!
Swiss Cheese!
Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
|