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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:15

 

Annette Pehnt: Haus der Schildkröten

15.10.2006

 
Zwischen Lust und Tod

Es ist eine bitter-süße Geschichte geworden, die Annette Pehnt geschrieben hat. Über das Altern und den Umgang mit dem nahen Tod.

 


„Durch die Drehtür fädeln sich Ströme gut frisierter Töchter und Söhne, Schwiegertöchter und Enkel mit geputzten Schuhen.“ Ein gewohntes Bild im Altersheim Haus Ulmen. Regelmäßig dienstags besucht hier auch Regina ihre Mutter und Erich seinen Vater. Per Zufall lernen die beiden sich kennen, draußen auf dem Parkplatz bei einer Zigarette, nach dem Besuch. „Sie schauen sich an, verblüfft, dass sie nicht allein sind in ihrer Not.“ Mitten zwischen Trauer und Liebe, dem drohenden Verlust eines Elternteils und seiner belastenden Endgültigkeit kommen die beiden sich näher. Eine Liebe entsteht, die allerdings nicht frei von Zwängen sein wird.

Regina hat ihrer Mutter, die klug und scharfsinnig denkt, bewusst alles wahrnimmt, aber gelähmt ist und sich nicht artikulieren kann, ein Vogelhaus geschenkt: „Da hast du was zu gucken, Mama. Du machst ein paar Sonnenblumenkerne rein, und schon hast du das reinste Theater.“ Guter Wille verbirgt Hilflosigkeit. Erichs gestammelte Versuche, seinen Vater, der an Demenz leidet, aufzumuntern, bleiben ungehört. „... das ist nicht das Ende, Papa ... du kannst hier arbeiten, wie zu Hause, besser sogar.“

Regina und Erich wirken verloren, klammern sich in ihrer Einsamkeit aneinander und spüren gleichzeitig große Lebenslust. Anfangs scheint ihrer Liebe nichts im Weg zu stehen, schnell melden sich aber Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen. Gemeinsam fahren sie in Urlaub, nach Malaysia, wo Erich in einem Tempel auf ein für ihn bedrohliches Bild trifft. In einem abgelegen Teil findet er unzählige Schildkröten, die sich hilflos und wie um ihr Leben kämpfend bewegen. „Es müssen Hunderte sein, niemand sieht sie. Er steht allein am Geländer und starrt auf das langsame Brodeln im Schlick.“ Zu Hause holt der Alltag die beiden schnell wieder ein und beschwörend gestehen sie sich: „Wir sind gestandene Leute, wir können doch machen, was wir wollen.“

Keine großen, aber die richtigen Worte

Es ist eine bitter-süße Geschichte geworden, die Annette Pehnt geschrieben hat. Und zugegeben: die Lektüre schmerzt. Da berühren Szenen nicht nur, gehen Dinge nicht nur an Herz und Nieren, es tut auch richtig weh. Denn mehr als eindringlich werden Atmosphäre und Stimmung, Hilflosigkeit und deprimierende Aussichtslosigkeit widergespiegelt, die das Leben im Heim begleiten. Die Konfrontation mit dem Tod und dem so häufig tabuisierten Kapitel davor: dem allmählichen Verfall, der Pflegebedürftigkeit und auch der Unbeholfenheit im Umgang mit all diesem. Viele Beschreibungen klingen so real, so alltäglich, als wären es Tagebuchaufzeichnungen: da ist das Pflegepersonal, das viel zu wenig Zeit hat, und wenn es mit den alten Menschen spricht, dann pflegt es einen despektierlichen Umgang mit einstmals doch Erwachsenen: „Wollen wir noch mal für kleine Mädchen ... sonst muss ich gleich wieder rennen oder es gibt ein Unglück.“ Und wenn sich doch noch einmal freudige Momente ins trübe Heimleben einschleichen, dann heißt es gleich: „Traurig ist das, im Alter herumzuturteln, keine Würde, keine Scham im Leib.“ Die „Immergleichen“ nennt Annette Pehnt die Heimbewohner, die genau registrieren, dass ihre Angehörigen draußen vor der Tür noch einen letzten Blick auf die Uhr werfen, „damit sie wissen, wann sie wieder gehen dürfen“. Haus der Schildkröten ist ein Roman ohne große Worte, aber mit den richtigen Worten.

Barbara Wegmann


Annette Pehnt: Haus der Schildkröten. Roman. Piper Verlag 2006. 183 Seiten. 16,90 Euro.

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