Jörg-Uwe Albig: Land voller Liebe
15.10.2006
Revolution und Consulting
In seinem zweiten Roman Land voller Liebe erzählt Jörg-Uwe Albig im tropischen Klima von einer fiktiven Revolution: dem Aufstand in Westdeutschland 1989.
Ein motivierter, doch beginnend desillusionierter Unternehmensberater, eine tropische Insel und ein abweisender Kunde – Jörg-Uwe Albigs Roman Land voller Liebe beginnt viel versprechend. Roger Beeskow betet die Litaneien der Unternehmensphilosophie rauf und runter, ohne sie zu hinterfragen, und stellt sie damit gleichzeitig bloß. Sein Kunde Lachmann, vollkommen in kapitalistischen Vorstellungen gefangen, möchte Beeskow gar nicht arbeiten lassen – und hier taucht bereits die erste Schwachstelle des Buches auf. Was Beeskow eigentlich tun soll und warum Lachmann ihn auf die Insel bestellt hat, bleibt im Unklaren.
Ohne Beschäftigung macht Beeskow gelangweilt das Naheliegende: Er fängt eine Affäre mit Lachmanns Frau Ute an. Gleichzeitig führt er kurze Telefonate nach Deutschland, mit seiner Frau Carolin. Dann bricht dort, wohlgemerkt 1989 und im westlichen Teil, eine Revolution gegen den Kapitalismus aus. Beeskow sieht fern und liest Zeitung und verfolgt das Geschehen nahezu teilnahmslos. Nachdem die Affäre mit Ute beendet ist, nimmt Beeskow einen Straßenjungen bei sich auf, mit dem er sich tage- und nächtelang beschäftigt.
Ambivalente Lektüre
Land voller Liebe fasziniert durch die geschichtliche Fiktion einer politischen Wende in Westdeutschland, durch gekonnte und bissige Kapitalismuskritik und durch einen vielschichtig gezeichneten Protagonisten: Beeskow blüht während der Unternehmensberatung, der Wirtschaftsexpansion einerseits auf, andererseits widern ihn die Mentalität seiner Kollegen und zum Teil auch seine eigene Einstellung an. Diesen Protagonisten muss man mögen, und dem Roman merkt man an, dass auch Albig ihn in sein Herz geschlossen hat. Ebenso faszinierend wie Albigs Hauptfigur ist seine Sprache, die nicht nur durch die gängigen Geschäfts- und Beziehungsfloskeln begeistert à la „Wir stellten W-Fragen, schrieben nicht mit, vermieden monokausales Denken“ oder „Wir gaben uns Mühe, vermieden Verallgemeinerungen, sprachen konkretes Verhalten an“, sondern auch durch kleine Sprachspielereien und Klarheit.
Trotz allem stellt sich kein wirklicher Lesegenuss ein, die Lektüre bleibt ambivalent. Denn problematisch ist, dass einfach keine nachvollziehbare und mitreißende Handlung existiert. Albig verliert sich in kurzen, beinahe gehaltlosen Rückblenden, in Gedanken über das System und schönen Phrasen. Die eigentlichen Grundlagen des Romans jedoch, beispielsweise Beeskows Beschäftigung mit dem Straßenjungen oder die tatsächlichen Revolutionsereignisse in Deutschland, bleiben unklar und in der Schwebe.
Katharina Bendixen
Jörg-Uwe Albig: Land voller Liebe. Roman. Tropen Verlag, 2006. Hardcover. 230 Seiten. 18,80 Euro.