Justine Lévy: Nicht so tragisch
22.10.2006
Schmerzhaftes Erwachsenwerden
Früh heiraten, unzertrennlich sein, den Mann an eine andere verlieren, leiden, einen neuen finden - das haben schon viele erlebt. Gleichzeitig aber auch Tochter eines berühmten Vaters sein, das nur wenige. Aufgeschrieben hat es Justine Lévy in ihrem zweiten Roman Nicht so tragisch.
Frankreich: Vor ein paar Jahren überschlugen sich die Boulevardmagazine, als ein Raphaël Enthoven wegen Carla Bruni, Model und Musikerin, seine Frau Justine Lévy verlässt. Die Heirat der beiden 1995 – sie sind 18 und 21 – war von nicht weniger Medienrummel begleitet. 2004 erschien Rien de grave, der zweite Roman von Justine Lévy, und verkaufte sich 200.000 Mal, wieder eine Sensation. Darin erzählt sie das, was längst durch die Medien verbreitet wurde, aus ihrer Sicht. Sie lenkt gleichzeitig den Blick in das Intellektuellen-Viertel St. Germain des Prés in Paris, wo sich die junge Autorin bewegt, das sie prägt und das sie schließlich einsam und depressiv macht. In deutscher Übersetzung wurde der (Schlüssel-)Roman 2005 veröffentlicht. Hierzulande muss man sich aber vielleicht weniger fragen, wer wer ist und ob wirklich alles so passiert ist. Nicht so tragisch hat hier schließlich nicht den Enthüllungsbonus, den das Buch in Frankreich hat. Vielmehr interessiert die Frage, ob der Erfolg dem literarischen Können oder der Berühmtheit von Justine Lévy zu verdanken ist.
Tochter von …
Justine Lévy ist nämlich auch Tochter: Sie ist die Tochter von Bernard-Henri Lévy, dem berühmten Philosophen. In dem Roman heißt er Papa, Justine ist Louise, ihr Mann Raphaël ist Adrien und Carla Bruni heißt Paula. Der neue Mann in Louise Leben, später, wird Pablo heißen. Sie habe nicht aus Rache geschrieben oder sehe ihr Buch als Abrechnung, sagt Lévy in einem Interview. In der Literatur gebe es eine Art Kontrolle, die es im richtigen Leben nicht geben könne. Wahres und Erfundenes dürfen, ja müssen hier vermischt werden. So gewinnt die Autorin Distanz zum Erlebten.
Louise erzählt in Nicht so tragisch von ihrer Liebe zu Adrien, von ihrer Trennung und der Zeit danach, wo sie Pablo kennen lernt. Das Spielerische ihrer Liebe macht sie zu Spielpartnern, die zunächst blind gegenüber Veränderungen sind. Das erste Gefühl von Eifersucht spürt Louise, als sie die Freundin von Adriens Vater kennen lernt – die Frau, die sie später als „Monster“ oder „Blutsaugerin“ bezeichnen wird. Paula ist wunderschön, hat Charme und bringt die Menschen zum Lachen – Eigenschaften, die Louise nicht hat. Adrien erklärt ihretwegen die Frau seines Vaters zum Tabu. „Ich war beruhigt, es wäre ja dumm und bescheuert, eifersüchtig auf ein Tabu zu sein, und er würde mich nicht lieben, wenn ich dumm und bescheuert wäre.“ Dann verlässt Adrien Louise wegen Paula, und das Paar lässt sich scheiden.
Das eigene Leben in die Hand nehmen
In knappen Episoden, beginnend mit dem Begräbnis der Großmutter, pickt Louise die Ereignisse aus ihrem Leben heraus, an denen sie gereift ist. Wie beiläufig kreist sie dabei die Zeit und die Trennung von Adrien ein. Schonungslos berichtet sie von ihrer Tablettensucht – diesen Abschnitt beginnt sie mit „Mal ehrlich“ –, die in der Klinik endet, und der problematischen Vater-Tochter-Beziehung. Louise erkennt durch die Abtreibung ihres Kindes mit Adrien einen seit ihrer Kindheit empfundenen Mangel. Den Mangel, zum Beispiel „nicht genug Frau“, „nicht auf der Höhe“ ihres Milieus zu sein, fühlt sie als Leere, die sie zudeckt, und sie wird süchtig: „… dank der Amphetamine war ich würdig, geliebt zu werden.“
Für ihren Schmerz und die Einsamkeit nach ihrer Trennung, für ihre verzweifelte Suche nach Liebe und Anerkennung findet Louise eine Sprache, die authentisch ist. Sie ist geprägt von langen, häufig hastig ausgesprochenen Sätzen, in denen sie mit sich, mit anderen spricht, in denen sie die Rede von anderen wiedergibt. Sie hat eine berührende und mutige Form der Verarbeitung gefunden, nicht ohne Schuld und Verantwortung immer wieder auf andere abzuwälzen. Adrien und Louise haben sich wie Kinder geliebt. Nach der Trennung bleibt Adrien für Louise ein Kind, sie selbst ist älter geworden. Sie begreift, dass ein jeder sein Leben in die Hand nehmen muss, es darauf ankommt, neu anzufangen. Geht ein Lebensentwurf zu Ende kommt ein neuer, das mag traurig sein, aber es ist nicht so tragisch. Justine Lévy ist mehr als die Tochter eines berühmten Vaters, sie hat sich das zugemutet, was sie kann – schreiben.
Senta Wagner
Justine Lévy: Nicht so tragisch. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Verlag Antje Kunstmann 2005. Gebunden. 206 Seiten. ISBN 3-88897-400-3
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