Viktor Pelewin: Das heilige Buch der Werwölfe
22.10.2006
Kremlkram
Ein wirklich dankbarer Autor - für den Kritiker. Denn so leicht fällt es selten, einen Schriftsteller zu verreißen! Dieser Ruf eilt Viktor Pelewin zumindest voraus. Und er hat ihn sich erarbeitet mit Büchern, die seinen zahlreichen Famuli - fast zu 100 % Männer - als Bibeln des heiligen Zeitgeistes gelten. Bei näherer Betrachtung allerdings...
Obwohl die Posaune des Jüngsten Kritikergerichts schon so übermäßig vollgespeichelt ist, was unseren armen Pelewin betrifft, so kann ich doch nicht anders, als dieses unansehnliche Blechinstrument zum Munde zu führen, tief Luft zu holen und zu hoffen, noch einige Mauerreste zum Einstürzen zu bringen, wenn nicht schon die ganze russische Wehrbefestigung geschleift worden ist.
Sodann! Das heilige Buch der Werwölfe heißt das neueste Erzeugnis aus den fernen ostischen Werkstätten des großen Zeremonienmeisters, einem Enkel Rasputins möchte man meinen, der einer ganzen Generation sein Zeichen in die Großhirnrinde eingebrannt hat. Dieser Titel bedient großzügig den Fantasygeschmack, der sich immer breiter macht auf der Deutschen Lesecouch. Ja, in der fiktionalen Kunst unserer Zeit herrscht uneingeschränkt die Weltflucht! Schon bedenklich, bedeutet sie neben ihrer Kindlichkeit doch auch Kapitulation vor der schieren Komplexität modernen Seins. „Aber Halt!“, ruft da ein Pelewin-Eleve. „Das heilige Buch der Werwölfe setzt sich sehr wohl mit der russischen Realität auseinander: detailgenau, kritisch, ironisch, intelligent.“ Nicht nur über den letzten Punkt könnte man zwar trefflich streiten - denn reine Verquasseltheit über exotische Wissensressourcen hat rein gar nichts mit Scharfblick gemein -, aber wir wollen diesem kurzsichtigen Zwischenrufer kurz einmal Recht geben.
Pelewin schreibt tatsächlich vom Großstadtleben in Moskau, von der betrübnisschweren Existenz einer russischen Prostituierten, von Drogendealern, Politikern und militaristischen Mafiosi. „Geht es denn überhaupt aktueller, du Kritikerass?“ Pelewin ist nur vordergründig aktuell, antwortet der. Seine postmoderne Schmierenkomödie um mythologisches Getier ist nur ein grellbuntes Schreibtischfeuerwerk – mehr nicht. Eine letzte Fehlzündung, es stinkt noch ein bisschen, doch dann wird schleunigst gelüftet...
Für den Leser dieser Kritik mag es vielleicht ein wenig dürftig sein, einer Kontroverse zwischen Fan und Verwerfer zu folgen, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Und so entschließt sich der Verfasser - obwohl eine Inhaltsangabe ein ganz und gar fruchtloses Unterfangen ist - sie dem Leser hier nicht mehr vorzuenthalten:
„A Huli arbeitet als Prostituierte in Moskau. Was ihre Kunden nicht ahnen: Sie ist ein Werfuchs, der die Freier unter Hypnose ihre verwegensten Träume ausleben lässt – alleine. Eines Tages trifft A Huli auf Alexander, an dem ihre Künste versagen. Denn der leitet als Generalleutnant der Staatssicherheit die Werwolf-Abteilung. Obwohl die Anarchistin A Huli und der wackere Patriot Alexander in ihren Aussichten weit auseinander liegen, verlieben sie sich ineinander. Aber sie streiten sich über den Erlöser-Werwolf, den die alten Prophezeiungen versprechen.“
Klingt wild, was? Doch bei Pelewin ist alles Staffage – aus kläglichstem, linkshändig mit Wasserfarben bemaltem Pappmaschee. Seine Figuren sind so hölzern und golemhaft, da hat ein feuchter Waschlappen mehr Leben – und das, obwohl Pelewin sich doch so abmüht seine Figuren interessant zu machen, mit perversen Details und übermenschlichen Fähigkeiten. Im Angebot wahlweise: Werfüchse mit Hypnoseschwanz oder Werwölfe mit Riesenschwanz. Der Genremix, den der Russe da unter postmoderner Fahne zusammenschmiert, ergibt nicht einmal eine sauber bemalte Wand, geschweige denn ein irgendwie treffendes Panorama Russlands. Dazu großer Poststrukturalistengestus mit haufenweise abwegigen Diskursen, die nirgends hinführen und aus dem Nirgendwo stammen. Und dann diese strenge Gesamtkomposition, die alles wieder in einen gängigen Storyablauf presst. (Man lese nach der Lektüre, zu der ich übrigens niemanden beglückwünsche, das Vorwort noch einmal – schon rieseln die Schuppen aus der Fönfrisur...) Da sind wir also wieder am Anfang, meine Damen! Was Sie schon lange wussten, wissen auch wir Männer jetzt: Das heilige Buch der Werwölfe hat einfach keine Seele – auch keine russische, so sehr sie Pelewin herzuheulen sucht. Dieser literarische Ausflug lohnt sich nicht. (Ganz im Gegensatz zu der Reise nach Petuschki von Wenedikt Jerofejew – aber das nur nebenbei...)
Und so schließen wir diese Besprechung mit folgenden Worten: Selbst die leidenschaftlichsten Pelewin-Fans werden diesem verzettelten Rundum-Blödsinn keinen Charme und keine Freude abgewinnen können, da mag Wladimir Kaminer auch noch so laut landsmännisches Lob jaulen – es bleibt ein breiter Tritt auf den wedelnden Schwanz des Lesers.
Christoph Pollmann
Viktor Pelewin: Das heilige Buch der Werwölfe. Übersetzt von Andreas Tretner. Luchterhand 2006. 350 Seiten. 19,90 Euro.
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