Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 18:16

 

Charlotte Weitze: Vom Glück, ein Briefträger zu sein

29.10.2006


 Traumgleiche Welt

Einen Roman der besonderen Art hat Charlotte Weitze geschrieben. Über weite Strecken realistisches Erzählen trifft hier auf traumgleiche Szenerien, fast schon märchenhaft und immer gut ausbalanciert. Ausgezeichnet wurde ihr Debüt mit dem Dänischen Literaturpreis.

 

„Wie immer, wenn ich schreibe, brauche ich drei gute Ideen, zwischen denen die Geschichte aufgespannt wird“, erzählt Charlotte Weitze über die Entstehung ihres ersten Romans. Die Einsamkeit der nordischen Landschaft, das Phänomen des menschlichen Albinismus und ein Gemälde, „auf dem sich Tote aus ihren Gräbern erheben und dem Licht entgegengehen, das sie blendet und verschreckt“. Sie bilden das wundersame Koordinatensystem der Geschichte.

Die beginnt mit dem Eintreffen Kaspars in einer unwirtlichen Gegend. Nur schwer hat er sich von seiner Mutter lösen können – schließlich hat sie ihn das Leben lang behütet und beschützt, er hat alles brav mitgemacht. Aber nun ist damit Schluss. So steigt er denn an einem symbolträchtigen Neujahrstag aus dem Bus und beginnt ein neues, fremdes Leben. Landpostbote will er werden, so sein lang gehegter Wunsch. Bedingt durch seinen Albinismus – seine Haut bildet keine Farbpigmente aus – hat er sich den hohen Norden in der Nähe des Nordpolarkreises ausgesucht. Eine Gegend, in der es fast das ganze Jahr über bewölkt ist. Doch es gibt noch einen weiteren Grund für das Leben in der Einsamkeit: „Weil ich gehört habe, dass es für Menschen nicht gesund ist, so viel angeguckt zu werden. Es gibt Grenzen dafür, wie viele intensive Blicke ein Mensch an einem Tag ertragen kann, ohne sich selbst oder sein Leben zu verlieren. „Das ist“, fügt er hinzu, „wie wenn man zu viel Sonnenlicht abbekommt.“

Kaspar taucht in eine fremde und unbekannte Welt ein, und der Leser mit ihm, in eine Welt, in der er sich mit den verstreut lebenden und wunderlichen Bewohnern arrangieren muss: Mit dem Postboten Rusk, den Kaspar ablösen soll und mit dem er fast täglich über den Fjell wandert, mit Hans und Anne-Grethe, die mit ihm die Post sortieren, und nicht zuletzt mit der hübschen Lærke und den Schafen. Auch ein leibhaftiger König besucht den einsamen Ort, mit dem Kaspar mehr verbindet, als er (und der Leser) zunächst ahnt. Wird sich Kaspar dort zurechtfinden und glücklich werden? Zunächst scheint es so, als habe er seine Berufung gefunden: „Er ist Briefträger, der Nachricht bringt von Wichtigem und Unwichtigem, von Freude und Kummer. Er bringt Pakete, die mit vorsichtiger Hand geöffnet werden müssen, und Pakete, die man aufreißen kann. Kaspar johlt und holt Rusk ein, während er nach seltenen Tieren des Fjells Ausschau hält.“

Spiel mit erzählerischen Grenzen

Es ist die über weite Strecken realistische Erzählweise, die den Leser auf sichere Pfade lenkt, auch wenn der Pfad die eine oder andere Wendung nimmt, uns in traumgleiche Szenerien führt. Erst in dieser Verbindung taucht Reales glaubwürdig in Irreales, verschränken sich Traum und Wirklichkeit in einer seltsam magischen Welt. Zwar kommt Kaspar aus der Zivilisation, wirft aber, durch seinen Albinismus inspiriert, schnell einen wundersamen Blick auf die neue Gegend: „Mitten zwischen den Menschen auf der Straße flattern weiße Engelsgestalten umher und lächeln. Sie fliegen herum und streichen den Menschen über die Gesichter.“

„Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe“, schrieb einmal Georg Christoph Lichtenberg. Ein solches Geschöpf ist Kaspar, aber auch Lærke, der König und viele andere Figuren und Dinge mehr. Dieses Spiel mit der Grenze zwischen realistischer und fantastischer Fiktion, neben den immer wieder fabelhaft poetischen Sätzen, ist es auch, was die Autorin ausbalanciert und meisterlich in Szene setzt – zurückhaltend und dennoch inspiriert wundersam.

Man kann also sagen, dass es nicht nur ein Glück ist, ein Briefträger zu sein, sondern auch, dass der Roman ins Deutsche übertragen wurde. Hier ist insbesondere der Übersetzerin Sabine Lotz zu danken. Eine erfreuliche Herbstlektüre ist das Buch allemal.

Frank Kaufmann


Charlotte Weitze: Vom Glück, ein Briefträger zu sein. Aus dem Dänischen von Sabine Lotz. Btb-Verlag 2006. Tb. 206 Seiten. 8,00 Euro.

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...