Heine: Sämtliche Schriften
02.11.2006
Die Revolution, feins Liebchen und der Dichter aller Zeiten
Heine verspricht Zuckererbsen für jedermann – wenn die Schoten platzen. Die Gesamtausgabe bei dtv hat das erreicht: den ganzen Heine zum Jedermannpreis.
Heine-Bücher gibt es wie Sand am Meer – für Germanisten, für Gestresste, für Hausfrauen, für gestresste Germanisten und für Germanisten-Hausfrauen im Stress. Sein Todestag heuer brachte schon im Vorfeld – fast so, als hätte es die Zunft nicht erwarten können, dass der alte Harry endlich hundertfünfzig Jahre tot ist – eine neue Sintflut an Biographien hinzu. Aber es gibt nur einen Heinrich Heine – oder, wie er sagen würde: „Gewiß, wir sind alle Brüder, aber ich bin der große Bruder.“
Es ist immer noch höchst heiter und erfreulich, dem großen Bruder bei der Arbeit zuzusehen – und das geht nur in der ausgezeichneten Werkausgabe von Briegleb, die 1975 in zweiter Auflage bei Hanser erschien und hier zugrunde gelegt wurde. Die dtv-Ausgabe ist mit dieser band- und seitenidentisch und bietet wie diese nicht nur den kompletten Heine, sondern ebenfalls die Streichungen, Bearbeitungen, Erläuterungen, die Korrespondenzen aus dem Kontext und Verweise im Werk.
So findet man z. B., will man den fälschlicherweise als Feuilletonisten kolportierten Essayisten Heine lesen, in den Anmerkungen zur „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ nicht nur all die Namen und Verweise aufgeschlüsselt, ohne die das sehr stark in den Zeitgeist eingebundene Werk nicht ganz zu verstehen wäre. Man wird auch verwiesen auf Parallelstellen, die bestimmte Positionen, etwa gegenüber Hegel, der hier als Vollender der deutschen Geistesgeschichte erscheint, in der „Romantischen Schule“ aber wegen seiner „spinnwebigen Dialektik“ belächelt wird, deutlicher machen, und die sogleich mit dem Hinweis auf Heines „Verschiedenartige Geschichtsauffassung“ den Eindruck relativieren, Heines dialektische Geschichte des deutschen Geistes sei allzu parallel zu Hegels gestrickt.
Wer über dieses sorgfältige Lesen den Eindruck gewinnt, es bei Heine nicht nur mit einem auf politische Relevanz zielenden Historiker der deutschen Kultur, sondern auch mit einem Programmatiker zu tun zu haben, findet in dieser kritischen, kommentierten Ausgabe die Möglichkeit, dem nachzugehen. Der gute Apparat gibt Hinweise für eine weiter ausgreifende Lektüre, die deutlich macht, dass Heine eine eigene philosophische Position entwickelt: einen klassischen Sensualismus, der das harmonisch wohlgestaltete Zusammenspiel aus kritischer Vernunft und genussfreudiger Sinnlichkeit meint.
Wer nun so auf eine solche Position käme, könnte sich zu ihr ins Benehmen setzen und angesichts der Frage, ob sie für den Einzelnen wie für eine Gesellschaft überhaupt möglich und/oder dienlich ist, in Heine einen Gesprächspartner finden, dessen Aktualität über die bloße Tatsache weit hinaus geht, dass einer unserer beliebtesten und umstrittensten Dichter nun seit dem 17. Februar genau dreimal fünfzig Jahre tot ist.
Und das ist nur die Skizze eines Reisebilds durch Heines Schriften. Lektüren gibt es wie Sand am Meer, aber es gibt nur einen Heinrich Heine.
Björn Vedder
Heinrich Heine: Sämtliche Schriften, 6 Bände. Hrsg. v. Klaus Briegleb.
Deutscher Taschenbuch Verlag 2005.
78,00 Euro.