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Nicole Krauss: Kommt ein Mann ins Zimmer

05.11.2006


Auf der Suche nach sich selbst


Die Odyssee eines Gedächtnislosen erzählt mit feinsinnigem Humor und in einer wunderschönen, präzisen Sprache, die zum Kern der Dinge durchdringt.

 

Nicole Krauss’ Debütroman Kommt ein Mann ins Zimmer wurde dem deutschen Publikum erst nach dem großen Erfolg von Die Geschichte der Liebe zugänglich gemacht. Im Normalfall ist es immer eine unliebsame Angelegenheit, ein früheres Werk zu lesen, nachdem man spätere kennt. Und dann noch ein Debüt, um Gottes Willen! Man fürchtet holprige, ungelenke Prosa. Nicole Krauss widerlegt dieses Vorurteil auf elegante Weise.

Die zwei Hauptthemen des Buches sind die existenzielle Einsamkeit des Menschen und die Schutzlosigkeit, mit der er dem naturwissenschaftlichen Weltbild, oft gepaart mit kommerziellen Interessen und abstrakten Ideen, ausgeliefert ist. Phänomene also, die zu den Paradigmen unserer Zeit gehören. Dabei stellt Krauss die Frage danach, was Individualität und Identität bedeuten, was das Subjekt und unser Selbstverständnis ausmacht.

Gedächtnisloser Flaneur

Samson ist eigentlich Literaturdozent. Aber er weiß es nicht, denn er hat einen mandarinengroßen Tumor im Gehirn und irrt ohne Gedächtnis durch die Wüste bei Los Angeles, bis er von der Polizei aufgegriffen wird. Man findet seinen Ausweis und verständigt seine Frau. Bei einer ärztlichen Untersuchung wird das Geschwür entdeckt. Man entfernt es, und das Resultat ist unglaublich: Samsons Verstand überlebt völlig unbeschadet, während sein Gedächtnis seit seinem siebten Lebensjahr gelöscht ist. Seine Frau Anna holt ihn nach New York in die gemeinsame Wohnung zurück, die ihm ebenso fremd ist wie seine Frau, seine Freunde und sein Beruf. Wer ist er? Diese Frage muss sich Samson stellen und beginnt nach seinem Wesen zu suchen und selbstverständlich ist es so, dass alle Erfahrungen und Bekanntschaften, die sich nach seiner Amnesie ereignen, viel wertvoller sind als alles davor, was ihn nur permanent an den Verlust erinnert. Die Beziehung zu seiner aufopfernden Frau muss daran scheitern.

Er flaniert mit seinem alten Hund, seinem einzigen Freund, durch New York. Bei einem Ausflug in die Universität, seine ehemalige Wirkungsstätte, lernt er die überdrehte Lana, eine seiner früheren Studentinnen, kennen und verliebt sich in sie. Seine Liebe zur Literatur allerdings ist erloschen, Samson interessiert sich nun brennend für Naturwissenschaften. Oder vielmehr ist die Liebe zur Literatur womöglich noch vorhanden, wird aber von ihm nicht reaktiviert. Und darin besteht eigentlich auch der Hauptkritikpunkt an Kommt ein Mann ins Zimmer. Denn, vorausgesetzt ein Literaturliebhaber verlöre sein Gedächtnis, was läge näher, als nach seinem Wesen in seinen Lieblingsbüchern zu suchen? Samson tut dies erstaunlicherweise nicht. Als Lana nach Los Angeles geht, mietet er ihre Wohnung, streift weiter durch New York, nun mit Fotoapparat, und macht seine regelmäßigen Besuche bei seinem Therapeuten, der ihm natürlich nicht helfen kann.

Feinsinniger Humor

Irgendwann kommt ein Anruf. Am Apparat ist Ray, ein Neurobiologe, der ein streng geheimes Experiment in der texanischen Wüste leitet, bei dem es, um die Übertragbarkeit von Gedächtnis geht. Ray, der Samson bereits nach ihrer ersten Begegnung zum Vorbild wird, begründet sein Experiment gerade dadurch, dass er mit seiner Hilfe die existenzielle Einsamkeit des Menschen besiegen will. Die Gefahr, in die Samson sich damit begibt, wird ausgeschaltet durch die naive Bewunderung für Ray und der Verzweiflung eines Menschen, der nichts zu verlieren hat. Damit beginnt Samsons Odyssee erst wirklich. Wer Die Geschichte der Liebe kennt, kann sich problemlos ausmalen, dass sie nicht ohne Humor abläuft, auch wenn sie eigentlich verzweifelt ist. Abgesehen von ihrer wunderschönen, präzisen Sprache, die immer zum Kern der Dinge vordringt, oft zur Einsamkeit, die zum Wesen Mensch gehört, ist eben dieser feinsinnige Humor der größte Genuss.

Susanne Kirsch


Nicole Krauss: Kommt ein Mann ins Zimmer. Übersetzt von Grete Osterwald. Rowohlt Verlag 2006. 320 Seiten. 19,90 Euro.

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