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Irvine Welsh: Drecksau

19.02.2004

 

Ohne jeglichen formalen Anspruch 

Besonders ärgerlich ist neben überlangem Vulgärstakkato, non-existentem Plot und abziehbildhaften Charakteren die offensichtliche Schlampigkeit des Autors: In aller Eile hingeworfen ist dieser Roman.


 

"Eat your heart out, Irvine Welsh!", so leitete vor einiger Zeit Hanif Kureishi die Lesung einer seiner Kurzgeschichten ein, deren programmatischer Arbeitstitel "Kacke" hinlänglich kennzeichnete, welches Terrain dem schottischen Starautor hier streitig gemacht werden sollte. Ein ebenso frommer wie aussichtsloser Wunsch. Denn dass sich Welsh wirklich die Butter vom Kot nehmen lassen würde, konnte auch ein in dieser Hinsicht nicht unbeschmiertes Blatt wie Kureishi kaum ernsthaft glauben.

Doch es sollte viel schlimmer kommen. Geradezu verzärtelt erscheint im Nachhinein Kureishis Erhebung des Exkrements zum Zentralsymbol, verglichen mit dem, was Konkurrent Welsh in seinem jüngsten Roman Drecksau aufs Bidet bringt: Nach dem Ende des fäkalen Schockpotentials bedient sich jetzt die Scheiße der Prosa und nicht umgekehrt. Doch dazu später.

Zunächst wird deutlich, dass auch der Rest der Parameter sich nicht geändert hat: Edinburgh, ein kruder Totschlag, ein nicht nur linguistisch analfixierter Held - willkommen in Welshs Welt! Nach Junkies, Ravern und Hooligans ist es diesmal ein Polizist, der uns den Blick auf die Endzeit seiner kleinen Stadt werfen läßt. Detective Sergeant Bruce Robertson ermittelt in einem politisch brisanten Mordfall, dessen Opfer erstens dunkelhäutig und zu allem Überfluss Sohn des ghanaischen Botschafters ist. Halbherzig tut er dies, und nur insoweit es der schon sicher geglaubten Beförderung dient. Zumeist beschränkt sich die Zeit zwischen zweiter Pause und erstem Pint ohnehin auf in jeder Hinsicht überflüssige Dienstbesprechungen sowie die gelegentlichen Sitzungen des "Schulungskurses Interkulturelle Kompetenz", der der verwahrlosten Sonderkommission politisch korrekte Manieren beibringen soll. Was Robertson außer Zweckopportunismus übrig bleibt, sind zuschlagspflichtige Überstunden, die im wesentlichen der eigenen Bereicherung dienen, sei diese nun materieller, sexueller oder halluzinogener Art. Man mag dem Protagonisten die fehlende kriminalistische Motivation nachsehen, ist doch dem Roman selbst die Kriminalhandlung gleich ganz und gar einerlei. Wer nach dem Mord im Prolog einen schottelnden Whodunit-Splatter erwartet, wird enttäuscht. Die Suche nach dem Täter bleibt reine und zudem wacklige Kulisse.

Denn es geht nicht ums Handeln, es geht ums Sein. Selbstverständlich ist es die Psychologie, die Welsh interessiert, der seelische Werdegang eines Helden, wie er sich abstoßender kaum denken läßt. Bruce Robertson ist ein derart korruptes, misogynes, asoziales Monster, dass einem Welshs frühere Figuren im Nachhinein wie liebenswerte Lausbuben vorkommen.

Doch mehr als dieser zweifelhafte Superlativ wird nicht herausspringen, das scheint auch dem Autor selbst von Anfang an klar zu sein. Unglücklicherweise, muss man sagen. Denn statt Schlimmeres zu verhindern und sein Projekt aufzugeben, bringt er im aussichtlosen Kampf ums Mittelmaß sage und schreibe 450 Seiten Widerlichkeit in Stellung. Und so sollen denn nässende Ekzeme im Genitalbereich ausgleichen, was unserem bad lieutenant an Differenziertheit fehlt - nach der Devise: Das Buch ist immerhin besser als die Hygiene der Hauptfigur.

Den grotesken Tiefpunkt dieser Ästhetik bildet ein erzählerisches Mittel, das ein englischer Rezensent interessanterweise als "genial" bezeichnete. Da der Leser in jedem Sinne dazu verdammt ist, dem inneren Skatolog des Protagonisten zu folgen, benötigt Welsh eine Instanz, die ihm die Außenperspektive eröffnet. Innovativ verlegt er diese ins Innere seines Helden, ins Bewusstsein eines - Bandwurms.

Das unvermutete Gewissen, das Robertson im Darm trägt, entwickelt sich mit fortschreitender Handlung auch zu seinem Biographen. Aus unerfindlichen Gründen weiß der Parasit Bescheid über die unverdaute Lebensgeschichte seines Wirtes - und die kommt direkt aus dem Kosmos-Baukasten Psychologie: Der kleine Bruce wird uns vorgestellt als das verhasste Produkt einer Vergewaltigung, vom Stiefvater misshandelt, tragisch mitschuldig am Verlust des allseits beliebten Bruders, Zeuge des Todes seiner ersten, körperlich behinderten (!) Liebe, die vom Blitz erschlagen wird (!!), etc. (!!!); dass er außerdem freudig Fäkalmassen zurückhält und sich an eigenen wie fremden Ausscheidungen delektiert, versteht sich.

Kommt man zu schlechter Letzt bei dieser einfältigen Psychogenese und übrigens auch bei der Identität des inzwischen vergessenen Mörders an, hat man mehrere hundert Seiten einer - mit Welsh - "beschissenen Ätzlesbe" von Prosa hinter sich, die den bisherigen Tiefstpunkt in der literarischen Karriere des Schotten markiert. Besonders ärgerlich ist neben überlangem Vulgärstakkato, non-existentem Plot und abziehbildhaften Charakteren die offensichtliche Schlampigkeit des Autors: In aller Eile hingeworfen ist dieser Roman, zielgruppengerecht und ohne jeglichen formalen Anspruch. Die ellenlange, ganz und gar funktionslose Amsterdam-Episode zu Anfang des Buches ist nur das prominenteste Beispiel einer umfassenden Reihe überflüssiger Passagen; darüberhinaus wird das sozialkritische Engagement, das Welsh gerne für sich reklamiert, von seiner Beschreibung des Polizeiapparates konterkariert, die er offenkundig zu großen Teilen der eigenen Vorstellung entnimmt. Kein Wunder also, dass, wie der Klappentext sich brüstet, die britische Polizei per einstweiliger Verfügung versuchte, das Erscheinen des Romans zu verhindern. Mehr Erfolg wäre ihr allerdings zu wünschen gewesen.

Von Mathias Tretter


Irvine Welsh: Drecksau. Sondereinband - 453 Seiten - DTV, Mchn. Erscheinungsdatum: 2002 ISBN: 3423204931

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