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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:17

 

Drei spanische Autoren

19.11.2006


Vagabundieren durch Raum und Zeit


Um Aufbrüche zu neuen Ufern, um Reisen durch Raum und Zeit kreisen die neuen Werke der spanischen Autoren Rafael Chirbes (57), Ignacio Martinez de Pisón (46) und Antonio Orejudo (43).

 

Rafael Chirbes, der hierzulande bekannteste aus dem Schriftstellertrio, der 1999 für seinen Roman Die schöne Schrift den Jahrespreis der SWR-Bestenliste erhalten hat, entführt den Leser in seinem neuen Band Der sesshafte Reisende in 42 Städte, die rund um den Erdball verteilt sind. Ob Hamburg oder Lübeck, Zürich oder Bern, ob Peking, Bangkok oder Halifax – Chirbes geht es nicht primär um haarkleine Beschreibungen der Orte, sondern um die Eigenheiten der dort lebenden Menschen. Auf Märkten und in Kneipen, dort, wo sich Menschen am ungezwungensten bewegen, schaut Chirbes besonders genau hin. Die meisten der hier vorliegenden 42 liebevollen Porträts sind zuvor im Reise- und Gourmetmagazin „Sobremesa“ erschienen. Das bietet den Vorteil, dass man als Leser diesen Band auch häppchenweise genießen kann. „Ich habe bemerkt, dass eine solche Reise eigentlich immer zum eigenen Selbst führt“, erklärte der in der Nähe von Alicante lebende Autor, der mit diesem Band eine große Seelenverwandtschaft zum Niederländer Cees Nooteboom und dessen beinahe obsessiver Reiselust offenbart.

Ein Leben abseits aller Normen

Ungewollt wird auch im Roman Mein Vater, die Göttin und ich viel gereist. Ignacio Martinez de Pisón erzählt die zum Ende der Franco-Diktatur angesiedelte Geschichte des 15-jährigen Felipe, der mit seinem Vater quer durchs Land reist und ein Leben abseits aller Normen führt. Der Vater war einst Arzt, hat aber durch einen Betrug seine Zulassung verloren und hält sich mehr schlecht als recht mit zwielichtigen Gelegenheitsjobs über Wasser. Seine wohlhabende Familie hat ihn verstoßen, geblieben sind ihm nur der Sohn und sein über alles geliebtes Auto – ein Citroen DS 19, „die Göttin“ genannt. Der Vater träumt von einem unbeschwerten Leben in einer Großstadt und von einer guten Ausbildung des Sohnes. Doch die Realität sieht für Felipe ganz anders aus. Er verbringt mehr Zeit vor dem Fernseher als auf der Schulbank, und zumeist logieren beide außerhalb der Saison in billigen Urlauberappartements am Mittelmeer.
Eine Zäsur in beider Leben tritt ein, als der Vater für einige Tage ins Gefängnis muss und Felipe bei seinem wohlhabenden, aber ablehnenden o­nkel untergebracht wird. Die „Göttin“ wird verkauft, der Vater ist ein gebrochener Mann. Durch den Gefängnisaufenthalt ist er seiner letzten Würde beraubt und hegt Suizidgedanken. Am Ende der dramatisch zugespitzten Handlung erhält der Vater die Nachricht vom Tod seiner Mutter und damit einhergehend die Mitteilung über eine kapitale Erbschaft.

Der 1960 in Zaragoza geborene Ignacio Martinez de Pisón versteht es vorzüglich, aus der Perspektive seines adoleszenten Protagonisten zu erzählen, seine gedanklichen Zwiespälte zwischen uneingeschränkter Freiheit an der Seite seines Vaters und der bürgerlichen Strenge im Haus seines o­nkels zu rekonstruieren.
Kein Wunder, dass dieser traurig-melancholische Vater-Sohn-Roman – trotz seines Happyends – seit seinem Erscheinen vor zehn Jahren in Spanien schon zweimal verfilmt wurde.

Rekonstruktion fanatischer Theorien

Auch Bernd Rothmann, der Protagonist in Antonio Orejudos Roman Feuertäufer, ist ein gehetzter Mensch, der von Ort zu Ort reist. Der ausgebildete Historiker Orejudo entführt uns ins 16. Jahrhundert, in die Zeit der blutigen Glaubenskriege. Die Wiedertäufer rebellieren in Münster gegen die katholische Amtskirche, und einer ihrer Anführer ist jener Rothmann – ein Mann mit ausgeprägter Affinität zu extremen Gedanken.
Als die Truppen des Bischofs 1535 den Aufstand der „Ketzer“ niederschlagen können und ein fürchterliches Gemetzel gegen die Besetzer anrichten, gelingt Rothmann die Flucht.
Anders als in Robert Schneiders thematisch verwandtem Roman Kristus (2004) –hier wie dort taucht der Niederländer Jan Beukels auf – stehen bei Orejudo die inneren Kämpfe im Zentrum. Über Rothmanns Jugendjahre heißt es: „Von diesem Moment an führte Bernd zwei Leben – ein offizielles als Student der Theologie in Köln und eines im Verborgenen, in dem er heimlich die Hörsäle der Lutheraner besuchte.“ Die zum Fanatismus neigende Hauptfigur legt sich nach dem Scheitern der „Wiedertäufer“ eine neue Identität zu, bricht auf nach Lyon und Genf, wo er auf Calvin trifft. 18 Jahre nach dem Blutbad von Münster muss Rothmann, der sich nun Pfister nennt, in Genf miterleben, wie der spanische Theologe Miguel Servet (auch er ein Abweichler) auf dem Scheiterhaufen endet.
Stefan Zweigs schmales Buch Castellio gegen Calvin habe ihn zu diesem Roman inspiriert, erklärte Orejudo. „Dieser verrückte Servet, über den Zweig nicht allzu viel erzählt, interessierte mich, und auf einmal bekam ich große Lust, über ihn und sein Umfeld zu schreiben.“

Feuertäufer trägt im spanischen Original den Titel Reconstrucción, und tatsächlich geht es nicht nur um eine subjektive Rekonstruktion von Geschichte, sondern vielmehr noch (und das verleiht dem Roman eine zeitlose Dimension) um die Rekonstruktion fanatischer Theorien und die blutigen Kämpfe zwischen Aufständischen und Machthabern, zwischen revoltierenden Erneuerern und Bewahrern des Status quo.

Die „Reisen“ mit diesen drei spanischen Autoren können auf höchst unterschiedliche Weise die Horizonte der Leser erweitern. Mal präzise und klar, mal verschwommen und imaginär – so wie Rafael Chirbes den Blick von Valencia Richtung Ibiza beschrieben hat.

Peter Mohr


Rafael Chirbes: Der sesshafte Reisende. Aus dem Spanischen von Dagmar Plötz. Verlag Antje Kunstmann 2006. 429 Seiten. 24,90 Euro.

Ignacio Martinez de Pisón: Mein Vater, die Göttin und ich. Roman. Aus dem Spanischen von Sibylle Martin. Hoffmann und Campe Verlag 2006. 290 Seiten. 19,95 Euro.

Antonio Orejudo: Feuertäufer. Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Knaus Verlag 2006. 253 Seiten. 18 Euro.

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