Chuck Klosterman: Eine zu 85 % wahre Geschichte
19.11.2006
Hochprozentiger Fusel
Chuck Klostermans autobiographischer (und wahrscheinlich trotzdem zu mehr als 85 % erdachter) Thesenroman zur jüngeren Musikgeschichte der Vereinigten Staaten ist eine missratene und zugleich höchst amüsante Ausgeburt der amerikanischen Popkultur.
Um es gleich deutlich vorneweg zu sagen: Dieses Buch ist nicht unbedingt eine Qualitätslektüre. Hanebüchen geschrieben, eine Anhäufung altbekannter Klischees, merkwürdig kraftlos. Die Geschichte ist dementsprechend schnell erzählt: Der Musik-Journalist Chuck Klosterman, der bezeichnenderweise für das fragwürdige New Yorker Rock-Magazin „Spin“ schreibt, begibt sich auf eine Reise durch Amerika, um dem Wunsch seiner Chefin nach einer „epischen Story“ nachzukommen. Episch, das bedeutet für Klosterman vor allem eines – die exzessive Beschäftigung mit tragischen Todesopfern des Rock’n’rolls bzw. des damit zusammenhängenden Lifestyles. Klosterman begibt sich also wie im klassischen amerikanischen Road Movie auf eine Reise durch Amerika, um die Stätten des Rockstar-Todes – von der Kreuzung, an der Duane Allmann starb, bis hin zum unvermeidlichen Todesort Kurt Cobains – zu besuchen. Emotional verkompliziert wird die Reise durch Klostermans Liebesbeziehung zu drei Damen namens Diane, Lenore und Quincy.
Von beeindruckend limitierten stilistischen Fertigkeiten …
Liebe und Tod, Eros und Thanatos – ja, da hätte einiges dringesteckt. Herauskam dabei aber merkwürdigerweise wenig. Klosterman hat kein Gespür für die Morbidität seines Unterfangens, die innere Verschränkung von Lebens- und Todestrieb ist bei ihm nur als inhaltsleere Metapher präsent. Klosterman ist schlichtweg ein miserabler Literat. Seine angeblich geliebten Frauenfiguren sind derartig austauschbar, dass die realen Damen ihn wohl sowieso alle nach der Lektüre des Buches für immer verlassen werden, seine stilistischen Fertigkeiten erscheinen an manchen Stellen geradezu beeindruckend limitiert. Beispiel gefällig? Aber bitte doch: „Ich bin heute morgen in Graceland herumgelaufen, und es war mir irgendwie peinlich, Amerikaner zu sein. Ich bin seit jeher der gleichen Meinung wie Chuck D, der über den King sagte: Elvis war mir immer scheißegal. (...) Aber was ich an Elvis nicht leiden kann, ist die Idee von Elvis Presley, und genau diese Idee ist der Motor, der Graceland am Laufen hält. Es ist die Religiosität der Müllkultur.“ Und auf eine solche oder ähnliche Weise gipfeln viele von Klostermans Überlegungen im endlosen Nirwana des popkulturellen Vulgär-Zynismus.
… und gewitzten Bonmots aus der Kuriositätensammlung der Rockgeschichte
Warum habe ich Eine zu 85 % wahre Geschichte dann doch mit Gewinn oder, sagen wir, zumindest mit Amüsement gelesen? Weil sich Klostermans angeblich morbide Liebesgeschichte recht schnell als ein einziger großer Essay zur Pop- und Rockgeschichte erweist und der Autor als notorischer Rechthaber auf diesem Gebiet in der Tat viel zu erzählen hat. Natürlich, seine musikhistorischen Monologe sind ab und an erschreckend subjektiv, kratzen viel zu oft lediglich an der Oberfläche, suhlen sich mitunter zu sehr im pseudo-intellektuellen Meta-Diskurs. Aber wenn uns Klosterman höchst detailreich erklärt, er könne sich seine Verflossenen eigentlich nur über die verschiedenen Bandmitglieder seiner heimlichen Lieblingsband KISS merken, dann ist das nicht nur witzig, sondern auch gewitzt. Gleiches gilt für seine Aufarbeitung des Lebenswerks von Rod Stewart (!) anhand des jeweils sechsten Songs (!!) eines Best-of-Boxsets (!!!).
So fällt zumindest das Urteil des (primär) rockmusikalisch interessierten Lesers milde aus: Man hat da ein offensichtlich schlechtes Buch gelesen, das einen trotzdem über weite Strecken unterhalten hat wie schon lange nichts mehr.
Sebastian Karnatz
Chuck Klosterman: Eine zu 85 % wahre Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag 2006. 284 Seiten. 18.90 Euro.