Christoph Wilhelm Aigner: Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk
03.12.2006
In der Vorhölle
Der 17-jährige Gymnasiast Johann Nepomuk Müller lebt in der Vorhölle: Wohnort, Elternhaus und Schule sind Orte der Gewalt und der Verachtung. Ob er da wohl heil rauskommt?
Wir lernen Johann Nepomuk kennen, wie er der sieben Jahre älteren Mariella durch Zufall zu Hilfe kommt, als diese von ein paar Unholden in ihrem Auto mehr als bedrängt wird. Wie sich herausstellt, muss Mariella im Rollstuhl sitzen, da sie schon lange von einer Bande Verbrecher im Ort, zu der auch die gerade vertriebenen Kerle gehören, verfolgt wird. So kam ein Freund von ihr sogar bei einem provozierten Unfall ums Leben, den sie schwer verletzt überlebte. Sie wohnt nun mit ihrem Vater zusammen, dem noch der Holocaust und die KZ-Vergangenheit der eigenen Frau in den Knochen und der Seele stecken.
Johann wird zum ersten Mal in seinem Leben ernst genommen und nicht verspottet – er verliebt sich in die Frau. Zudem weckt sie seinen Beschützerinstinkt: als gestandener Jugendfußballer kann er einiges an Kraft aufweisen. Diese hat ihm zu Hause allerdings nie etwas genutzt: sein verblödeter Vater war von Anfang an ein prügelndes Ungeheuer. Nun ist der zwar durchgebrannt, aber das Zusammenwohnen mit dem Psychowrack von Mutter macht das Leben auch nicht leichter. Zudem muss er neben der Schule, in der er auch wegen diverser fiesester „Fässer“ (= Profässor = Lehrer) einen schweren Stand hat, arbeiten gehen, um sich und seine Mutter finanziell über Wasser zu halten.
Zwischen Sensibilität und Muskelkraft
Alles in allem keine guten Voraussetzungen für ein ruhiges und behütetes Leben. Wohl aber für ein (Jugend-)Buch. Aigner, bisher primär als Lyriker in Erscheinung getreten, versetzt uns in seinem ersten Roman – unter Extremeinsatz von Jugendjargon – in einen Jugendlichen zu Beginn der 70er-Jahre, der zwischen Fußball, Tanzkurs, erstem Verliebtsein, Schule und Arbeit hin und her gerissen wird. Zu seinen bisherigen Freunden und Bekannten zählen ebenfalls nur schräge Vögel. Daher werden Mariella und ihr Vater zu einer Ersatzfamilie. Sogar seinen heimlichen Hang zu Literatur und Kunst darf er nun ungeniert ausleben, etwa beim gemeinsamen Gedichte-Lesen (mit dem Einstreuen von Lyrik hat sich Aigner quasi selbst beglückt, ob es der Scharfzeichnung der Figur dient, kann man in Frage stellen).
Doch nicht nur der Ärger mit der Schule und der Mutter zu Hause, auch mit der Bande von Zuhältern und Schlägertypen, die dem Jungen die Störung bei dem Überfall auf Mariella nicht verzeihen können, bleibt eine permanente Bedrohungskulisse.
Natürlich: das erscheint insgesamt ein bisschen dick aufgetragen, insbesondere für einen so jungen Helden, der schwankt zwischen dem Gebrauch aufblühender Sensibilität und antrainierter Muskelkraft. Und manchmal zieht die eine oder andre der vielen Fußballspiel-Beschreibungen den Roman zu sehr in die Länge. Aber selbst – oder gerade – an diesen Stellen dürften die „schönen bitteren Wochen“ vor allem Jugendliche und Junggebliebene durchaus ansprechen, die mit ihrer Umwelt im Clinch liegen und sich mit den Schilderungen des schulischen wie familiären Elends bestens werden identifizieren können.
Von Olaf Selg
Christoph Wilhelm Aigner: Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt 2006. Geb. 448 Seiten. 19,90 ¤. ISBN 3-421-05957-8