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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:20

 

Angelica Ammar: Tolmedo

10.12.2006

Zwischen Alice und Alicia

Angelica Ammar legt mit dem schmalen Roman Tolmedo zwar ihren literarischen Erstling vor, dennoch ist sie in der Literaturszene keine wirkliche Debütantin. Die 34-jährige gebürtige Münchnerin hat sich in der Vergangenheit nämlich als Übersetzerin von Mario Vargas Llosa und Alberto Mendes bereits einen Namen gemacht.

 

Es ist daher kein Zufall, dass die spanischsprachige Welt auch in ihrem ersten Roman eine wichtige Rolle spielt. Tolmedo ist ein kleines Städtchen in Andalusien, in dem die Protagonistin Alicia viele Jahre an der Seite des um einige Jahre älteren argentinischen Philosophen Sergio lebte, der sich mit dem Restaurieren alter Stadthäuser mehr schlecht als recht durchs Leben laviert.

Irgendwann geht die Beziehung in die Brüche und die junge Protagonistin, die an einer Dissertation über afrikanische Wüstenbilder arbeitet, kommt nach Paris – an die Seite des bildenden Künstlers Raul. Spanien und Paris – das sind auch die Lebensstationen der Autorin, die mit ihrer Protagonistin ein anspruchsvolles erzählerisches Wechselspiel inszeniert.
In Paris wird aus Alicia Alice, und doch taucht die spanische Vergangenheit stets wieder auf, meldet sich Alicia als kommentierende Erinnerungsfigur in der dritten Person. Bilder überlagern sich, aktuelle Impressionen aus der Seine-Metropole mischen sich mit Vergangenem, denn auch aus Sergios Erzählungen kennt die junge Frau Paris.
Kunstvoll und sprachlich ausgefeilt hat Angelica Ammar nicht nur eine Hymne auf Paris angestimmt, wo sie seit neun Jahren selbst lebt, sondern auch latent eine Lanze für das ungezwungene Künstlerleben gebrochen.

Die Fabulierlust der Autorin, die für das vorliegende Buch jüngst mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet wurde, schwingt durch jede Zeile und mit ihr aber auch der hohe Kunstanspruch, den dieser Roman in sich birgt. Die eigentliche „Story“ kann mit diesen großen Ambitionen nicht Schritt halten, denn nach der Lektüre drängt sich die Frage auf, was Alice (Alicia) zu den beiden deutlich älteren Männern gezogen hat. Suchte sie einen Vaterersatz? Ist der Roman vielleicht stärker autobiografisch, als man es zunächst vermutet? Eine mögliche Erklärung findet sich statt in der Handlung in der Vita der Autorin. Als Angelica Ammar acht Jahre alt war, haben sich ihre Eltern getrennt. „Die Sicht auf die Welt wird früher distanzierter, weil man die Dinge genauer betrachtet. Einfach dann mit zwei Welten leben muss“, erklärte Angelica Ammar in einem Interview über ihre Jugendjahre. Für Alice und Alicia stand Angelica selbst offensichtlich Pate.

Peter Mohr


Angelica Ammar: Tolmedo. Ammann Verlag 2006. 257 Seiten. 18,90 Euro

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