Gregor Hens: In diesem neuen Licht
10.12.2006
Stierkampf, Schach und Sechstagerennen
Man weiß zwar von Gregor Hens, dass er absichtsvoll mit allen Konventionen des traditionellen Erzählens gebrochen hat, doch diesmal macht er es für seine Leser extrem kompliziert.
Gregor Hens, der als Professor an der Ohio State University in Columbus lehrt, gilt spätestens seit seinem letzten Roman Matta verläßt seine Kinder (2004) als eine der hoffnungsvollsten Stimmen aus der Riege der jüngeren Autoren in der deutschsprachigen Literatur. Wie in den Vorgängerwerken des 41-jährigen Autors geht es auch in seinem neuen Buch wieder um die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Protagonist Tobias Vlaming, ein Linguist, der es mit einem speziell für Manager entwickelten Sprachlernprogramm zu stattlichem Reichtum gebracht hat, ist von seiner Partnerin Tina verlassen worden und fällt in ein tiefes Loch. Sein Schachpartner David, ein blasierter, steinreicher Dandy und Möchtegern-Dichter, mit dem er zur Zerstreuung ein Sechstagerennen besucht, lädt ihn auf eine Farm nach Sante Fé ein, wo sich Tobias dann unverzüglich an die Übersetzung eines weithin unbekannten Romans von D. H. Lawrence macht.
Und diese Übersetzung birgt die Crux dieses Romans. Man weiß zwar von Gregor Hens, dass er absichtsvoll mit allen Konventionen des traditionellen Erzählens gebrochen hat, doch diesmal macht er es für seine Leser extrem kompliziert. Der Lawrence-Roman wird zur zweiten Handlungsebene stilisiert, die Figuren wandeln schließlich in Mexiko sogar auf des Autors Spuren; die Bilder von Sechstagerennen und Stierkampf vermengen sich, die Erzählperspektiven wechseln ständig, ganze Passagen sind in Englisch verfasst, so dass man sich bisweilen händeringend fragt: Sind wir jetzt bei Hens oder bei D. H. Lawrence?
Turbulenzen in Mexiko
Die beiden Freunde geraten mit Davids attraktiver Partnerin Tess, einer erfolgreichen Juristin, in Mexiko in allerlei Turbulenzen, denn ein gewisser Don Ramón (der Name ist dem Lawrence-Roman entlehnt) hat ein Auge auf die Frau geworfen. Und unausgesprochen begehrt auch der Übersetzer Tobias die Frau seines Freundes, die dann ein Geheimnis lüftet, als sie ihren halbwüchsigen unehelichen Sohn vorstellt. Tobias lässt sich allerdings mit der ziemlich unvermittelt in der Handlung auftauchenden Marokkanerin Nabila ein, die von ihm schließlich zwei rothaarige Zwillingssöhne bekommt. Zwischendurch hatte sich der Übersetzer in ein Kloster nach Sri Lanka zurückgezogen und über die „Verkettung des Daseins“ meditiert.
Dieser beinahe märchenhafte Einschub wird durch einen Zeitsprung in die Zukunft noch untermauert. Mexiko City avanciert dabei zum Zentrum der Global Players, der Peso hat den Dollar als führende Währung abgelöst. Nichts ist mehr, wie es einmal war, vieles taucht „in einem neuen Licht auf“, selbst Schach wird nur noch via Internet gespielt – in einer Form, bei der die meisten Figuren durch einen virtuellen Nebel eingehüllt sind. Ein Bild, das für weite Teile der Handlung charakteristisch ist. Ein Roman, der im Jargon seiner Figuren als ziemlich „overstyled“ zu beschreiben wäre.
Peter Mohr
Gregor Hens: In diesem neuen Licht. Roman. S. Fischer Verlag 2006. 326 Seiten. 19,90 Euro