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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:20

 

Bettina Gundermann: lines

19.02.2004

 
They ***** you up, your mum and dad

Weniger Macht den Drogen würde dem Buch gut tun. Denn ob das Hirn berauscht ist, dem die Geschichten entspringen, spielt letztlich keine Rolle. Die Verschmelzung findet auch ohne sie statt: Am Ende wird der Erzähler Erzählung, der Schöpfer Geschöpf. Es zu entziffern, ist Sache des Gläubigen, der liest.

 

Wie wir seit der Unterstufe wissen, schuf Gott den Menschen zu seinem Bilde - und Michelangelo davon den Menschen ein Bild. Dieses, so haben wir gelernt, ziert die Decke der Sixtinischen Kapelle, monumental und unübertroffen. Wie groß das Fresko jedoch auch sein mag, für gewöhnlich bekamen wir nur eine Detailansicht gezeigt: Zwei Hände bzw. Finger, deren leicht manierierte Berührung für alles, was danach kam, verantwortlich sein sollte, vom Garten Eden bis zu seinem weniger paradiesischen Jenseits.

Auch von der Gottesebenbildlichkeit ist nicht viel übrig geblieben. Zuerst verschwand das Original, dem wir nachgebildet sein sollten, um sogleich durch das Nachbild als Vorbild seiner selbst ersetzt zu werden: Der Mensch als Schöpfer des Menschen, die manierierte Hand Gottes nichts als Knochen und Gelenke.

Darauf zumindest scheint die Röntgenaufnahme auf dem Umschlag von Bettina Gundermanns Debüt lines abzuheben. Die durchleuchteten Hände, die Michelangelos Szene nachstellen, lassen dem Leben wie der Kunst nur ihre auf sich selbst verweisende Materialität. Ob in Molekülketten oder Buchstabenfolgen - der schöpfergewordene Mensch ist immer zugleich Erzählung und Erzähler.

"Nenn mich doch Gott. Denn auch ich teile ein, das Dasein, in appetitliche kleine Häppchen. [...] Geschichten kenne ich genug.", sagt deren Erschaffer in lines, "Ob sie wahr sind, mußt du entscheiden." Was wiederum auch egal sei, da die Geschichten ohnehin nur Folgen von unkontrollierbarer "Verdauung" und "Ausscheidung" darstellten - und zudem auf Linien aus Kokain geschrieben sind.

Die Produkte der vegetativen Prozesse heißen Rebecca, Pedro und Mike; die Phasen, die sie kapitelweise durchlaufen, Geburt, Leben und Tod. Für alle drei beginnt alles anders als bei allen anderen: Rebecca durchleidet als Kind einer drogensüchtigen und schon im Kapitel "Leben" versterbenden Mutter eine Odyssee von Pflegeeltern, die ihren Verhaltensauffälligkeiten nicht gewachsen sind. Säugling Pedro wird aus einer Mülltonne gefischt und in eine von Anfang an fragwürdige Beziehung adoptiert - Garant für ein Mindestmaß an emotionaler Stabilität, mit dem zusätzlichen Vorteil den "schönen, schlanken Körper und den engen Scheideneingang" nicht zu belasten. Mike schließlich ist der Sohn eines "lausigen Liebhabers", dessen Namen seine Mutter bereits vergessen hat. Die phlegmatische Gleichgültigkeit, die sie dem Baby gegenüber zunächst empfindet, kompensiert sie später mit umso erdrückender Liebe.

An den Lebenslinien dieser drei setzt der dauereuphorisierte Erzähler die Rasierklinge an und lässt sie auf erhöhtem Endorphin-Spiegel sauber zusammenlaufen. Es schmeckt nicht nur ein bisschen bitter, sich das reinzuziehen. Soviel schnupfen sollte man nicht, und wenn, dann zumindest nicht darüber quatschen. Genau dies tut aber der glatzköpfige Kokainjunkie, den Gundermann zum Schöpfer ihrer bedröhnten Welt macht. Pedro und die anderen sind eingekreist von einem dialogischen Rahmen, in dessen Verlauf der Erzähler einem unbekannten Gast, den er jovial zu Rausch und Lauschen eingeladen hat, ebenso oft initiatorisch die Nase pudert, wie er seine Figuren zum Opfer sinniger Metareflexionen macht. Schlimmer noch: Statt die Geschichte seiner Protagonisten zu erzählen, geht er seinem Zuhörer immer wieder mit verschwätzten Drogenelogen auf den Koks, die unabwendbar in Lebensphilosophie münden: Us against them, bis einem komisch wird.

Dabei ist das Dreieck der Problemkinder ohne Drogen unglücklich genug, um interessant zu sein. Mit gemeiner Akribie beschreibt Gundermann die kleinen Höllen, die sich einander nahestehende Menschen täglich bereiten - ob in der Gosse oder im abbezahlten 20-Zimmer-Haus. Das Unglück derer, die geboren werden, leben und sterben, hat einen Grund und eine Geschichte, die das Buch in seinen düstersten Passagen unerbittlich vorführt.

So erfährt man etwa über die knospende Beziehung zwischen Pedros Adoptiveltern folgendes: "Sie lieben sich. Oder Ähnliches. 'Ein Wunder', sagt Mara und strahlt. 'Du bist so schön', sagt Georg und kriegt schon wieder einen heftigen Ständer." Aufrichtiger, wenn es auch kein Trost ist, sind die Gedanken von Mikes Mutter am Bett ihres "matschig" aussehenden Babys: "Habe ihn einfach nur in meinem Bauch geduldet. Wie einen Untermieter. Leider hat der hier keinen Penny bezahlt." Versteht sich, dass die spätere Kompensation der Lieblosigkeit schlimmer ausfallen wird. Die Einzige schließlich, die gesunde Gefühle entwickelt, ist die Kranke. Aber Anne, die Mutter Rebeccas, stirbt zu früh, um sie leben zu können.

Der Eindruck der Trostlosigkeit wird zunächst scheinbar noch verstärkt von der verarmten Syntax des Erzählers. Doch die kurzen, atemlosen Sätze werden bald zur Masche - und da sie sich bis zum Ende ohne Variation durchziehen, muss man sie entweder als verkoksten Duktus oder als Unzulänglichkeit der - immerhin erst debütierenden - Autorin deuten.

So oder so, weniger Macht den Drogen würde dem Buch gut tun. Denn ob das Hirn berauscht ist, dem die Geschichten entspringen, spielt letztlich keine Rolle. Die Verschmelzung findet auch ohne sie statt: Am Ende wird der Erzähler Erzählung, der Schöpfer Geschöpf. Es zu entziffern, ist Sache des Gläubigen, der liest.

Textauszug:

Eine, die es wissen muß, ist Paula. Denn ihr glückliches Ereignis ist gerade drei Stunden her. Lassen wir sie reden, was weiß ich schon wirklich von diesem "Wunder"?
Paula: Ich habe einem Menschen das Leben geschenkt. Man hat mir den Menschen auf den Bauch gelegt. Für eine kurze Zeit. Dann hat man ihn in einen anderen Raum gebracht. Das ist nicht schlimm. Ich habe ihn gesehen. Er braucht nicht in meiner Nähe zu sein. Andere Mütter wollen, daß ihre Babys neben ihnen in den Betten liegen. Ich verspüre dieses Verlangen nicht.

Mathias Tretter



Bettina Gundermann: lines. Frankfurter Verlagsanstalt, 150 S., 32 DM. ISBN 3-627-00080-3

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