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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:21

 

Bruno Steiger: Falsche Filme

25.12.2006


Ligurien-Faszination


Der 60-jährige Schweizer Bruno Steiger erweist sich auch in seinem neuen Roman Falsche Filme als unkonventioneller Erzähler.

 

„Ferien sind mir immer als Wagnis erschienen, das dürfte, sagte ich mir meist schon Tage vor der Abreise, böse enden, du fährst wahrscheinlich mitten ins Unglück hinein, wenn du in den Urlaub fährst“, erklärt ein Mann mittleren Alters, der uns in Steigers neuem Roman als eine Art Meta-Erzähler begegnet.
Wie in den bisherigen Werken des Zürcher Autors üblich gibt es keine lineare Handlung, sondern eine assoziative, nonchalante Aneinanderreihung von Wahrnehmungen, Erinnerungen, Fantasien und Reflexionen. Es beginnt mit Kindheitserlebnissen, die durch alte, einst in Italien aufgenommene Schmalfilme geweckt werden.

Als „gesellschaftlichen Hypnoseeffekt“ charakterisiert der Erzähler im Rückblick die geradezu rituellen Italien-Urlaube. Mit Tante Edith (so wird seltsamerweise die Mutter bezeichnet), deren Ersatz-Ehemann o­nkel Harry und einer Familie Weidheim ging es jedes Jahr vom heimischen Vierwaldstätter See über die Alpen an die ligurische Küste – immer ins gleiche Haus, immer in die gleichen Restaurants, immer die Super-8-Kamera im Anschlag.
So werden die standardisierten Ferien, die eigentlich für Abwechslung sorgen sollen, zu einer echten Qual. Aus der zeitlichen Distanz hält der Erzähler die Filme gar für „falsch“, da sie sich nicht mit seinen in der Erinnerung „gespeicherten“ Bildern decken. Die Inaugenscheinnahme der rund 30 Jahre alten „Dokumente“ konfrontiert ihn auch mit längst toten oder (wie o­nkel Harry) untergetauchten Personen. In den Erinnerungen spielt allerdings auch eine junge Italienerin, die Kindermädchen und Dienerin in Personalunion verkörperte, eine zentrale Rolle, doch auf den Zelluloidstreifen taucht sie überhaupt nicht auf.

Bruno Steiger dirigiert seine Hauptfigur in einen tiefen Zwiespalt. Alles kreist um die Frage der Überprüfbarkeit des Vergangenen. Soll er seinen eigenen Erinnerungen mehr trauen als den Filmen, die durch die „Regie“ des Kameramanns und die eingeschränkte Perspektive des Objektivs ohnehin nur einen kleinen, höchst subjektiven Ausschnitt der Realität bieten? Und wie ist die magische Anziehungskraft Liguriens auf den inzwischen reifen Mann zu erklären, der als Schriftsteller einigermaßen kläglich gescheitert ist?

Falsche Filme präsentiert eine geheimnisvolle Gedankenreise mit brillanten essayistischen Einschüben und ist gleichzeitig ein labyrinthischer, rückwärtsgerichteter Entwicklungsroman mit hohem Wiedererkennungswert. Ein Roman, sprachlich ausgefeilt bis in die letzte Silbe, anspruchsvoll und doch auf eine erfrischende Art und Weise unkonventionell.

Peter Mohr


Bruno Steiger: Falsche Filme. Roman. Nagel und Kimche Verlag 2006. 155 Seiten. 17,90 Euro

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