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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:21

 

Tony Parsons: Als wir unsterblich waren

25.12.2006

Der Rock’n’Roll-Überjournalist

Als viel schreibender Musik-Journalist hat sich Tony Parsons noch nie nur auf Zeitschriften beschränkt, um eine Bühne zu finden – sein neuester Roman Als wir unsterblich waren steht in einer längeren Reihe. Das Biographische liegt ihm dabei offensichtlich:hier verwurstet er zur Abwechslung mal seine eigene Biographie.

 

Und das muss uns brennend interessieren – der heftig beladene Titel des Buches setzt gerade den richtigen Ton: zwischen den Deckeln liest man weich gezeichnete Reminiszenzen, die in dieser glorreichen, großen Zeit stattfinden, als es für Musiker gerade anfing, zum guten Ton zu gehören, sich auf der Bühne hemmungslos zu besaufen und heroische Schlägereien mit dem schlagwilligen Publikum anzufangen. In der Geburtsstunde des Punks also zieht die Handlung herauf, in einer Nacht anno 1977, die hier symbolisch überschattet wird vom Tod Elvis Presleys. Die Luft brennt, soviel machen schon die ersten Seiten unmissverständlich klar: die Handlung beschränkt sich auf eine Nacht und muss dementsprechend hastig durchgepeitscht werden, auf dass sich Atemlosigkeit einstelle. Das tut sie dann auch.

Die Handlung also: sie wird getragen von den drei Jugendlichen Terry, Ray und Leon, gerade so alt genug, um legal ein Auto zu fahren, aber mit einer Drogen- und Alkoholexpertise, die selbst die Größten nicht besser bereitstellen könnten. Sie sind – aha! – Musikjournalisten bei einem rasch wachsenden Magazin und können schließlich ihrer Klientel in nichts nachstehen. In ihrer jugendlichen (jugendlich – daran ändern auch ganze Hände voll Amphetaminen nichts) Mischung aus Unmut, Angst und vorsichtiger Richtungslosigkeit sind sie ein großzügiger Querschnitt durch die gesellschaftlichen Anliegen, die London in den späten 1970ern beschäftigten. Leon etwa ist leidenschaftlicher Hausbesetzer und hat gerade an einer krawalligen Kundgebung gegen aufmarschierende Neo-Nazis teilgenommen, die ihm selbst jetzt, Tage später, Adrenalintsunamis durch den Blutkreislauf schwemmt. Durch die Straßen der Stadt ziehen währenddessen Gangs und fügen der ohnehin schon brennenden Luft noch einen Hauch Brutalität hinzu. Die Protagonisten weichen ihnen bemüht aus, sie haben schließlich auch genügend mit sich selbst zu tun. Ray, der tapfere Quotenhippie der kleinen Gruppe, steht mit seinem aus den 60ern importierten Musikgeschmack beständig im Abseits, bis ihm dann der Coup schlechthin gelingt, der ihn ins große Geschäft spült: ein Exklusivinterview mit John Lennon, der diese schicksalsschwere Nacht in London verbringt. Die Szene ist symbolisch. Der berühmteste Exponent der 60er verhilft Ray zu wirtschaftlichem Erfolg (für sein Interview wird er in der Redaktion laut gefeiert und befördert) und läutet so für ihn das Jahrzehnt des Kapitalismus ein. Die Zeit der freien Liebe ist ohnehin vorbei, da macht es keine Angst mehr, dass die schnöden 1980er heraufziehen – niemand landet in irgendjemandes Bett, um dort nicht zu bleiben.

Aus dieser turbulenten Nacht des Romans gehen die drei Protagonisten ganz und gar bürgerlich hervor, endgültig erwachsen und dankbar für die Verantwortung, die man ihnen überträgt – ganz wie ihr Erschaffer Tony Parsons, der, geht man nach den Kolumnen, die er regelmäßig veröffentlicht, recht zufrieden ist mit seiner Position in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft.

Das ist im Grunde eine langweilige Jugend, die er hier autobiographisch besingt, die sich reibungslos in die Regelmäßigkeit verabschiedet, noch bevor Punk eben diesen Weg antreten konnte. Terry, Ray und Leon laufen weg und bringen sich in Sicherheit, und genau diese Absetzbewegung erzählt der Roman, gnädigerweise schnell und flüssig, dafür sorgt die Zeitraffung. Für Spannung sorgt sie nicht.

Daniel J. Gall


Tony Parsons: Als wir unsterblich waren. Deutsch von Christian Seidl. Blumenbar Verlag 2006. 429 Seiten. 19,90 Euro.

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