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Richard Powers: Das Echo der Erinnerung

07.01.2007


Zurück zu den nistenden Kranichen

"Wer seine Seele finden will, muss sie zuerst verlieren"

 

Er hat im Jahr 2006 den National Book Award erhalten und eine überaus erfolgreiche Lesetournee durch Deutschland absolviert. Er ist gelernter Physiker und hat mit 32 Jahren seinen ersten Roman geschrieben. Die Rede ist vom amerikanischen Autor Richard Powers (inzwischen 49 Jahre alt), der für seinen neunten Roman Das Echo der Erinnerung mit Lob geradezu überschüttet wurde und von seinem Landsmann John Updike gar mit Thomas Mann verglichen wird.

Richard Powers ist ein universal gebildeter Zeitgenosse, ein belesener Experte auf dem Gebiet der Physik, der virtuellen Welten, der Neurobiologie und der Ökologie. Dass er auch eine Menge von Musik versteht, hat er in seinem Vorgängerwerk Der Klang der Zeit unter Beweis gestellt, das zu einem Weltbestseller wurde. Doch aus Powers gigantischem Wissensspektrum resultieren auch literarische Fallstricke, denn der Autor hat stets eine Art narrative Enzyklopädie im Sinn.

Verlust der „emotionalen Erinnerung“

Hauptfigur des neuen Romans ist der Mechaniker Mark Schluter, der sich bei einem Autounfall schwere Kopfverletzungen zuzieht. Wie durch ein Wunder überlebt er - allerdings mit anscheinend irreversiblen Hirnschädigungen. Das Unfallopfer kann sich nach der Rekonvaleszenz zwar wieder leidlich im Leben zurecht finden, doch ihm nahestehende Personen erkennt er nicht als solche. Seine in die Klinik bestellte Schwester Karin hält er gar für ein Double, das ihn bespitzeln soll. Professor Weber, eine medizinische Koryphäe, diagnostiziert das seltene Capgras-Syndrom, bei dem die Patienten (um es zu vereinfachen) ihre "emotionale Erinnerung" verloren haben.
Anhand dieses Krankheitsbildes referiert Powers (hauptsächlich aus der Perspektive des Mediziners Weber) die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich der Neurobiologie und fügt dann die interdisziplinäre Klammer zur Philosophie an, indem er die Frage aufwirft, inwieweit unser Bewusstsein und unsere gesamte Persönlichkeitsbildung von emotionalen Einflüssen abhängt.

Diese theoretischen Exkurse sind für den "normal-gebildeten" Leser ermüdend. Doch nicht nur in diesen Passagen literarischer Wissenschaftsprosa hätte man sich etwas mehr Disziplin des Autors gewünscht. Die Ausschweifungen geraten dem in Urbana/Illinios lebenden Autor nämlich zur Methode; der Handlungsstrang um den verunglückten Mark, dessen Schwester Karin, die rührende Krankenschwester Barbara und den angesehenen Mediziner Weber, hat nämlich nur die Auslöserfunktion für ein üppig wucherndes amerikanisches Zeitgemälde.

Erhobener Zeigefinger

Ort der Handlung ist ein gottverlassenes Nest namens Kearney in Nebraska - nicht zufällig der geografische Mittelpunkt der USA, die durch den Irak-Krieg "in der Pubertät steckengeblieben ist", so wie der nach dem Unfall emotionslose und etwas verwirrte Mark Schluter, dem Powers den veralbernden Satz von der "Achsel der Blöden" in den Mund legt. Hier streifen Originalität und Witz haarscharf die Grenze zum pietätlosen Klamauk.

Der Ort Kearney (das symbolische Herz des Landes) ist auch Nistplatz der Kraniche auf ihrem Weg nach Norden - ein ökologisches Paradies, das alljährlich viele Schaulustige anzieht. Ein findiger Geschäftsmann wittert ein lukratives Geschäft und will zu diesem Zweck ein Feriendorf aufbauen, was den Lebensraum der Zugvögel wiederum vernichten würde. Es wirkt allzu plakativ, wie Powers hier mit erhobenem Zeigefinger die Unvereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie anmahnt.

Abseits von den neurobiologischen Forschungen und philosophischen Debatten über die Bewusstseinsbildung lenken die nistenden Kraniche bei der Lektüre die Gedanken in eine andere Richtung. Wie stark wird unser Denken und Handeln von natürlichen Instinkten geleitet? Oder orientieren sich die Vögel auch an erlernten Verhaltensmustern? "Wer seine Seele finden will, muss sie zuerst verlieren", lautet der dem Roman vorangestellte, vieldeutige Satz, der an das kathartische Prinzip erinnert. Von Verlusten, Zäsuren und Erschütterungen ist bei Richard Powers reichlich die Rede. Doch wer soll seine Seele gefunden haben, in diesem labyrinthischen Erzähldschungel? Weniger wäre in diesem Fall deutlich mehr gewesen.

Peter Mohr


Richard Powers: Das Echo der Erinnerung. Roman. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie. S. Fischer Verlag 2006. 528 Seiten. 19,90 Euro.

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