Mike Leonard: Lebensreise
07.01.2007
Exkurse im Wohnpanzer
Abermillionen amerikanische Rentner sind zu jedem Zeitpunkt dabei, die Nation mit ihren Wohnmobilen zu prospektieren – warum sollte man den Kontinent auch erkunden, wie es die altvorderen Pioniere taten, wenn man stattdessen Frisierkommode, Gasherd und Chemo-Klo durch die Gegend fahren kann, um seine Freiheit zu demonstrieren?
Auch Mike Leonard packte seine greisen Eltern in einen Straßen-Wohnpanzer, schiffte sie auf einer letzten Odyssee über die amerikanischen Weiten und behält den Reisebericht keineswegs für sich. Leonard ist TV-Journalist und –moderator von einiger Prominenz, es muss also nicht verwundern, dass es Käufer gibt für seine Beschreibung eines Lebensabschnittes seiner Familie: seine in Chicago lebende Tochter steht kurz vor der Geburt, und in einem Akt spontaner Lebensgestaltungkreativität beschließt Leonard, seine Eltern und eine ganze Reihe anderer Anverwandter in zwei Wohnmobilen eine Reise durch den Kontinent antreten zu lassen – von Arizona nach Illinois, hin und zurück. Aber – er beschließt nicht, er beschloss: das Buch serviert schließlich einen Tatsachenbericht, bearbeitet und an den Ecken rund rasiert, um die richtigen Ekligkeiten gegen die richtigen Sentimentalitäten abzuwägen, aber doch im Klang so authentisch wie irgend möglich. Die Handlung rollt meistens in den besagten Wohnmobilen ab, vorübergehende Heimat des Leonard-Familienkosmos, den der Leser hier ganz intensiv kennen lernt – in seiner gesuchten Intimität mit dem Publikum wirkt das Buch wie eine der unzähligen, faltigen Familienkolumnen aus dem Reader’s Digest, die ja auch irgendwo gute amerikanische Tradition sind.
Sympathische, etwas banale Familiengeschichten
Die Position des Lesers ist eine dynamische: eigentlich muss ihn diese etwas banale Familiengeschichte ja nicht weiter interessieren, oder gerade soviel wie das Fotoalbum eines (prominenten) Fremden, das man sich vielleicht mit voyeuristischer Lust durchblättert, so es einem in die Hände fällt. Wenn überhaupt Interesse entsteht, dann über die Interaktion mit den Protagonisten - versponnene Charaktere tanzen also folglich durchs Bild, und die Exzentriken jedes einzelnen Familienmitglieds werden bearbeitet und zum Lachen freigegeben. Leonard arbeitet wirklich hart, um seine reiche Gefühlswelt zu transportieren, aber sein Stil ist der des amerikanischen Feuilletons. Der ist schon im sprachlichen Original vor allem dann originell, wenn er in jeden Winkel vokabularische und rhetorische Spielereien spickt (und so grammatikalische eben mit vokabularischer Komplexität ersetzt) – das tut Leonard nur beschränkt und nicht wirklich stilsicher, und die Übersetzung macht jeglichem verbliebenen Sprachwitz den endgültigen Garaus – sie liest sich, es fällt nicht schwer, es so hart zu sagen, sehr bieder. Ganz nebenbei ist das Buch auch noch schlampig lektoriert. Junge, christliche Männer, um nur ein Beispiel aus der Schar zu nennen, haben ihre soziale Heimat immer noch in der YMCA, nicht der JMCA.
An der Präsentation hapert es also ein wenig, aber das Buch ist trotzdem recht gesund. Leonards Eltern sind alt, wirklich alt, und ihre sorgfältig arrangierten Exkurse in die Vergangenheit streifen durch das Amerika der Depression, streifen dann weiter, nachdem sie den zweiten Weltkrieg passiert haben, und irgendwo nimmt Sohn Leonard sie dann auf und macht sein eigenes Ding daraus. Er gibt die Fragen vor, die er seinen Eltern in Gedanken seit Jahrzehnten stellt, seine Eltern antworten tatsächlich, und am Ende sind alle glücklich – das Baby ist wohlauf, der Familienfaden kann also weiter gesponnen werden. Es sind natürlich die Geschichten von Menschen, die hier erzählt werden, nicht die Geschichte des Landes, und Leonard benutzt nicht die einen, um die andere mit Details auszuschmücken, er ist ja nicht Guido Knopp. Und ja, diese Geschichten sind tatsächlich ganz sympathisch und nett mitzuverfolgen.
Daniel J. Gall
Mike Leonard: Lebensreise. Deutsch von Gerhard Beckmann. Bertelsmann 2006. 286 Seiten. 16,00 Euro.
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