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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:22

 

Evelyne Bloch-Dano: Madame Proust

07.01.2007


Eine geschwätzige Zumutung

Warnung vor einer Biografie von Marcel Prousts Mutter.

Von Michael Kleeberg

 

Mag sein, daß ich der falsche Mann bin, um dieses Buch zu rezensieren. Ich glaube, es ist für eine gewisse Art wohlbestallter Gattinnen aus den grünen Außenbezirken der deutschen Großstädte geschrieben, die viel Muße haben, einer Neigung zu den geschmackvolleren Spielarten von Kunst und Kultur zu frönen, und die hier in ihrer Ansicht bestärkt werden sollen, die Unsportlichkeit und Larmoyanz ihrer kleinen Söhne seien das sicherste Zeichen für deren zukünftige Größe.
Vielleicht ist es aber auch ganz gut, den Damen, an die dieses Werk sich richtet, zuzurufen, daß sie sich unter Wert verkaufen, wenn sie sich diese gut dreihundert Seiten antun, und daß sie, sofern das Thema sie interessiert, anderswo sehr viel ernster genommen werden und sehr viel mehr Gewinn davontragen können.

„Madame Proust“ enthält eine lange und ausführliche Darstellung der großbürgerlichen, jüdischen Familie Weil im Paris des 19. Jahrhunderts, deren Tochter Jeanne dann den Arzt Adrien Proust heiratete und zwei Söhne gebar, deren erster der nachmals weltberühmte Schriftsteller Marcel Proust war, dessen Verhältnis zu seiner Mutter das zweite große Thema des Buchs ist. Wäre Marcel Proust nicht Marcel Proust, die Geschichte seiner Mutter würde ein Buch nicht rechtfertigen. Aber warum nicht? Es ist also nicht das Was, sondern das Wie, das ich kritisieren möchte.
Drei Dinge werfe ich diesem Buch vor. Erstens ist es hirnlos recherchiert, zweitens vermischt es bedenkenlos Fiktion und Realität und drittens ist der Stil, schon an und für sich eine banal-geschwätzige Zumutung, im Schatten des Sprachgenies, in dem er steht, von abgrundtiefer Peinlichkeit.

Widerkäuen dümmster historischer Klischees

Zwischen wissenschaftlicher Exaktheit und unterhaltender Mühe um Richtigkeit gibt es für den Biografen ein weites Feld von Legitimität. Gewiß, kein Mensch braucht eine wissenschaftliche Biografie über Prousts Mutter, dennoch darf man, finde ich, eine halbwegs ordentliche Recherche verlangen. Wenn ich aber bereits auf der dritten Seite im Kontext des deutsch-französischen Krieges lesen muß: „Im Jahre 1870 waren die Weils besorgt, und sie hatten allen Grund dazu. Der Ehrgeiz Wilhelms II., der von seinem geschickten Kanzler Otto von Bismarck gefördert wurde, kannte keine Grenzen. Träumte er nicht sogar davon, Deutschland und Preußen zu vereinigen?“ dann gibt es eigentlich nur noch eines: Das Buch zuschlagen und auf den Müll werfen. Hier steht auf zwei Zeilen so viel gehäufter Blödsinn, daß weder ein Druck- oder Flüchtigkeitsfehler, noch das notorische Fehlen ordentlicher Lektoratsarbeit in französischen Verlagen als Entschuldigung dienen können. Hier disqualifiziert sich die Autorin so sehr, daß man nicht weiterlesen oder -blättern müßte, wäre da nicht die Rezensentenpflicht. Ja, bereits auf Seite drei begann die Quälerei, um bis zum Schluß nicht wieder aufzuhören.
Zunächst: Wilhelm II. war im Jahr 1870 elf Jahre alt. Der Ehrgeiz Wilhelms I., des damaligen preußischen Königs, kannte durchaus Grenzen. Wie man wissen könnte, wollte er Preußen keineswegs im deutschen Reich verschwinden sehen, selbst nicht um den Preis der Kaiserwürde, und mußte von Bismarck dazu überredet werden. Wenn überhaupt jemand, träumte also Bismarck, und der nicht davon, Deutschland (das es damals nicht gab) und Preußen zu vereinigen, sondern Deutschland zu einen und Preußen darin aufgehen zu lassen. Schließlich und endlich kann man auch nicht behaupten, Bismarck habe den Ehrgeiz eines der beiden Wilhelms „gefördert“, da der erste für seinen Geschmack zu wenig davon hatte und der zweite zuviel.
Hier käut die Autorin die ältesten und dümmsten Klischees einer gewissen reaktionären französischen Bourgeoisie über Preußen und Deutschland wieder, die seit achtzig Jahren obsolet und wissenschaftlich überholt sind. Das Schlimme daran ist, daß ich einem Autor, der in einem zwar nebensächlichen, aber auch nicht schwer zu recherchierenden Punkt solchen Blödsinn von sich gibt, auch danach nicht mehr vertraue, jedenfalls nicht seinem Rechercheernst. Ich glaube nicht, daß Frau Bloch-Dano ein ernstzunehmender Gewährsmann ist, für gar nichts.

Schlimmer Etikettenschwindel

Viel schwerer wiegt der zweite Kritikpunkt. Frau Bloch-Dano betreibt das gesamte Buch über etwas, das schlichtweg verboten ist, nämlich Etikettenschwindel. Ihre Hauptquelle sind nämlich nicht etwa Briefe, Untersuchungen, historische Zeugnisse und ähnliches, sondern Prousts wohlgemerkt literarisches Werk. Nicht nur schreibt sie eins zu eins aus der Suche nach der verlorenen Zeit ab und tut so, als zitiere sie biografische Quellen, viel schlimmer, sie nimmt Prousts ersten und nicht zuende gebrachten Roman „Jean Santeuil“ auseinander und bastelt ihn mit einem schwindelerregenden Mangel an literarischem Talent wieder zusammen. Muß man sagen, daß das nicht geht? Auch ein autobiografisch getönter Roman ist ein Roman, schon gar bei Proust, und Bloch-Danos Verfahren, das darin besteht, diesen Roman in Teilen nachzuerzählen und als eigene Rechercheleistung zu verkaufen, ist ein Paradebeispiel dafür, was ein ernsthafter Biograf nicht darf.
Besonders unzumutbar und unverträglich wird dieses liederliche Vorgehen aber erst durch die Sprache, in der dieses Buch geschrieben ist und in der dann auch die Brocken aus Prousts Werk, sofern sie nicht durch Anführungszeichen als Zitate kenntlich gemacht sind, paraphrasiert werden.
Ich würde mich zu Tode schämen, im Dunstkreis des Genies, und mehr noch: auf seinem eigenen Terrain, dieselben Dinge beschreibend, auf einem Niveau daherzuplappern, das nicht nur im Vergleich mit Prousts Sprachreichtum und –genauigkeit abfällt (das würde jeder), sondern das selbst, wenn es ihn nie gegeben hätte, unerträglich banal, verschmockt, muffig, saccharinsüßlich, blaß, hilflos und platt ist. Warum hat niemand die arme Frau Bloch vor der Publikation eines solchen sprachlichen Offenbarungseids bewahrt?
Eine vergleichbare, wenn auch nicht ganz so schlimme Geschmacksverirrung gab es vor einigen Jahren schon einmal bei einem ähnlich gearteten Versuch, gespitzten Mündchens, in betulichem Plauderton, sozusagen mit literarischen Stützstrümpfen, in den Bannkreis eines Großen hineinzuspazieren: Das Büchlein des Ehepaars Jens über Katia Mann. Auch dort war die Mischung aus anbiederndem Gestus (von „Frau Katia“ zu sprechen, als wäre man im Hause Mann ein- und ausgegangen) und biografischem Unernst (was man nicht aus den Primärquellen schöpfen kann, darüber schreibt man gar nicht erst. Recherche ist bä-bä.) schwer erträglich, und wurde wirklich verdrießlich, wenn man, was in solchen Fällen nun einmal kaum anders möglich ist, die verquaste Salbaderprosa der Autoren mit dem Deutsch Thomas Manns verglich, der ja selbst auch über seine Frau geschrieben hat.
Blochs Buch beginnt folgendermaßen: „Bei den Weils wurde um Punkt sieben Uhr zu Abend gegessen. Um zehn vor sieben legte Nathé Weil die Zeitung beiseite und zog seine Taschenuhr hervor. Um zwei Minuten vor sieben erhob er sich, und man setzte sich zu Tisch.“
Na denn Prösterchen. Und in diesem Ton west es weiter und immer weiter: „Doch an jenem Abend im Juli 1870 war sein Sohn Georges noch nicht zu Hause. Madame Weil verschwand in der Küche. Das Abendessen war fertig. Der Topf mit der Hühnerbouillon köchelte auf dem Herd, der frisch geriebene Meerettich stand schon auf dem Tisch. Sie warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster…“
Schreibt Frau Bloch Proust nach, funktioniert das folgendermaßen. Zunächst zwei Zitate aus „Combray„: „Combray von weitem… das war nur eine Kirche, sie resümierte den Ort, sie stand für ihn… und hatte, kam man näher, inmitten der Felder… wie ein Hirt seine Schafe, dicht um ihren Umhang die wolligen grauen Rücken der rings versammelten Häuser geschart.“
Ein Stückchen weiter heißt es: „Man konnte den Kirchturm von Saint-Hilaire schon von weitem erkennen, wie er seine unvergeßliche Silhouette gegen den Horizont absetzte, an dem Combray noch nicht aufgetaucht war. Wenn mein Vater ihn vom Zug aus… entdeckte, wie er über die Gefilde des Himmels hinglitt und seinen kleinen eisernen Wetterhahn in alle Richtungen aufflattern ließ, sagte er zu uns: So nehmt die Decken, wir sind da.“
Und jetzt Frau Blochs Text: „Der Zug verlangsamte das Tempo, gleich würde er in den Bahnhof einfahren. Man sah bereits den Kirchturm jenseits der Felder und den ‚wolligen grauen Rücken der zusammengescharten Häuser’. Los, jetzt nehmt eure Decken, wir sind angekommen! rief Adrien Proust, ganz belebt von der Landschaft. Schon? wunderte sich Jeanne, der solche Entfernungen immer ein Rätsel gewesen waren.“
Wozu das? Wozu brauche ich diesen Text?

Genügend niveauvolle Alternativen

Dankbarerweise stehen einige der Werke, die man statt dieses Buchs hier lesen sollte, sofern man sich für das Thema von Prousts Mutter (und wie denn dann nicht auch für Proust selbst) interessiert, gleich zu Anfang bei den zitierten Quellen. Nämlich zuallererst einmal Prousts Werke selbst, die „Suche nach der Verlorenen Zeit“ und „Jean Santeuil“. Auch der Briefwechsel mit seiner Mutter ist auf deutsch veröffentlicht. Im kommenden Januar erscheint Jean-Yves Tadiés monumentale Proust-Biografie bei Suhrkamp, die dieses Elaborat hier vollends unnötig macht. Wer sich für jüdisches Bürgertum im 19.Jahrhundert interessiert, findet zahlreiche Bücher über deutsche Familien, die sich von der Geschichte der Familie Weil nicht groß unterscheiden und besser recherchiert sind. Der Buchhändler Ihres Vertrauens wird Sie hier sicher gerne beraten. Legt man Wert auf französisches Kolorit und literarischen Stil in der Beschreibung jüdischer Lebenswelten, so ist natürlich Balzac zu empfehlen, beispielspielsweise sein „Bankhaus Nucingen“. Kurz gesagt, jedem Interesse und jedem Geschmack kann geholfen werden, ohne daß irgendein mündiger Leser so weit unter sein Niveau gehen müßte, sich das Buch von Madame Bloch-Dano zu kaufen.

Michael Kleeberg


Evelyne Bloch-Dano: Madame Proust. Biographie. Aus dem Französischen von Barbara Reitz und Eliane Hagedorn. Claasen Verlag, Berlin 2006. 376 Seiten, 19.95 Euro.

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