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Azar Nafisi: Lolita lesen in Teheran

14.01.2007


Ypsilamba


Lolita lesen in Teheran ist ein Symbol für die befreiende Kraft der Literatur, ein Bekenntnis zum Leben sowie eine beeindruckende Aufzeichnung des Widerstands einer mutigen Literaturgruppe gegen offene Repression und stille Resignation.

 

Was haben die Lust ein Schinkenbrötchen zu essen, Tarkowski Filme wieder zu sehen, die Lust ein Eis zu essen oder Lolita zu lesen miteinander zu tun? Im Teheran der islamischen Revolution sind das Tätigkeiten, die als konterrevolutionär gelten. Der rigide Kulturethos der Ajatollahs führt zur Unterdrückung alltäglichster Wünsche, doch trotz strenger Vorschriften und Strafen nicht immer zum Ziel. Solchermaßen überhöht, erfahren die frevlerischen Dinge, die man vor der Islamischen Republik für selbstverständlich gehalten hat, eine begehrliche Aufwertung.

Der Wertewandel in Folge des Machtwechsels im Iran bringt eine umfassende Neuorientierung der geistigen Welt mit sich. Der Wiederentdeckung der persischen Literatur unter dem Regime der Mullahs steht eine paradoxe Haltung den Schriftstellern gegenüber, denen ein hoher Status zuerkannt wird, der ihnen aber keine kritische Position erlaubt. Dagegen stehen Insignien westlicher Gesinnung, vom Lippenstift bis zu den Marx-Brothers auf dem Index der Moralwächter. Für Frauen beginnt eine Phase der strikten Reglementierung, die Demütigungen, Gefängnis und Folter für kleinste Vergehen beinhalten kann.

Die Bedrohung findet nicht nur durch die Bespitzelung der Revolutionsgarden statt, Schießereien konkurrierender Gruppierungen und die Raketeneinschläge des Irakkriegs erschweren das Leben massiv. Und doch treffen sich während dieser Zeiten der inneren und äußeren Gefährdung über zwei Jahre die Literaturprofessorin Azar Nafisi und sieben ihrer Studentinnen heimlich, um zusammen die verbotene westliche Literatur zu lesen. Zu ihrer Lektüre gehören u. a. Jane Austen, Scott Fitzgerald, Flaubert, Nabokov usw. Literatur bekommt neben dem Kitzel des Verbotenen einen Überlebenswert. Die literarischen Freiräume werden zu tatsächlichen. Die Lesenden überschreiten ihre Grenzen und finden in der Erweiterung der Wirklichkeit, die ihnen die Literatur bietet, eine gemeinsam erlebte, Mut machende Realität.

Bekenntnis zum Leben

Warum musste ausgerechnet Nabokovs Lolita als Identifikationsfigur für unterdrückte iranische Studentinnen herhalten? Eine aufgeklärte westliche Leserschaft mag es verwundern, dass junge Frauen als Widerstandslektüre den Roman über einen älteren Mann wählen, der ein 12-jähriges Mädchen sexuell an sich bindet. Azar Nafisi betont, dass es nicht um platte Analogien geht, sondern um den Widerstand gegen eine geistige und moralische Bevormundung, die eigenes Denken und Einschätzungen dessen verbietet, was künstlerisch, literarisch und intellektuell wertvoll sein könnte. „Denn alle großen Werke der Literatur, auch wenn sie eine noch so grausige Welt darstellen, enthalten ein Bekenntnis zum Leben, einen grundlegenden Widerstand.”
Ypsilamba ist das Symbol für Freiheit und Kreativität eines anderen Nabokov Romans: Einladung zur Enthauptung, einem Lieblingsbuch der Studierenden eines Literatur-Seminars, das noch an der Teheraner Uni stattfinden konnte. Lolita lesen in Teheran ist ein Symbol für die befreiende Kraft der Literatur, ein Bekenntnis zum Leben sowie eine beeindruckende Aufzeichnung des Widerstands einer mutigen Literaturgruppe gegen offene Repression und stille Resignation.

Maggie Thieme


Azar Nafisi: Lolita lesen in Teheran. Aus dem Amerikanischen von Maja Überle-Pfaff. Pantheon 2006. 432 Seiten. 12,95 Euro.

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