Manchmal, ach, selten, merkt man, dass das hier ein Debütroman ist, entstanden am Literaturhaus München, wo der Autor ein Stipendium hatte. Manchmal stößt dann doch die ein oder andere Spielerei durch und Grohn schubst eine harmlose, aber scheinbar originelle Sprachwendung auf den Teller, so als könnte er seine Debütposition authentischer gestalten, wenn er einige fremde Phrasen knüppelt wie pelzige, kleine Tierchen und serviert – ganz im Ernst aber hat der Roman tatsächlich eine geschickt verschränkte Geschichte und eine Stimme, die sie erzählt und die gerade stark ist, wenn sie sich in einen Wahn redet, in dem Originalität keine Erwägung mehr wert ist.
Wahn ist das Thema, eine psychiatrische Klinik in München der Ort, an dem sich der Erzähler – ist er das überhaupt? – Ponninger eines Tages freiwillig einweisen lässt, um seine leichten schizophrenischen Symptome behandeln zu lassen. Sagt er zumindest. Eigentlich ist er als Wissenschaftsjournalist undercover unterwegs, um ungeheuerliche Vorfälle zu recherchieren – in seinem neuen Zuhause, der Klinik, wetzen gewissenlose Operateure die Skalpelle und führen geheime neurochirurgische Eingriffe durch – und machen damit die Patienten ganz einfach zu Versuchskaninchen, nicht etwa zu willenlosen Arbeitssklaven, Zombies oder was auch immer skrupellose Chirurgen in die Welt bringen können, wenn sie am offenen Hirn experimentieren.
Ponninger hat einen Auftrag und spielt sehr souverän mit seiner behandelnden Ärztin, erfindet ihr nützliche Geschichten, um seine simulierte Krankheit auch glaubhaft darzustellen. Sie hat ihm wenig entgegenzusetzen, ist unerfahren, hat hier auch ihre erste Stelle in der Psychiatrie und freut sich, ihm mit Assoziationsspielen halbwegs nutzbare Äußerungen zu entziehen. Das funktioniert sehr gut für ihn, seine Maskerade fällt nicht, niemand glaubt, er sei nicht verrückt – wie auch. Ein paar Schritte und Schnitte reichen aus, den vorsichtig aufgelegten Schein des Wissenschaftsjournalisten abzunehmen – er attackiert seine Ärztin, seine E-Mails an die Außenwelt, geschmuggelt aus dem Internet-Café der Klinik, kommen alle zurück, weil sie keinen Absender fanden: er ist tatsächlich hier, weil er nur noch einen schwachen Zugriff auf die Realität hat, und seine Erzählung ist ein feines Netz von Fantasien, aufgestellt sich selbst (nicht uns, den Lesern) gegenüber, um im Moment des Kontrollverlusts noch ein wenig Kontrolle zu haben.
Stolperfallen und Löcher
Am Schluss landet dann seine echte Anamnese auf dem Tisch, vor dem Leser – er, Ponninger, ist ein 29-jähriger Arbeitsloser, der sich tatsächlich selbst eingeliefert hat, der seinen letzten Kontrollverlust (und den gibt es – geheime Operationen finden nicht statt, aber Beruhigungsmittel sind schnell zur Hand und unter der Haut) selbst initiiert hat – mit welchem Recht könnten wir uns also beschweren, dass wir hinters Licht geführt werden? Er bittet sicher nicht um Zuhörer und landet mit den Worten seiner Erzählung in seiner eigenen Welt, und natürlich ist diese dann voller Stolperfallen und Löcher. Er weiß nicht, wer er selbst ist, und so sind alle Identitäten seiner Erzählung unsicher und schwankend – wer liebt oder hasst hier wen? Da ist eine zerbrochene Liebesbeziehung im Hintergrund, deren Ende ihn vielleicht in den Wahnsinn schickte – und er hat keine Hemmungen, seine Ärztin mehr und mehr mit seiner Ex zu identifizieren, was die Behandlung allerdings schwierig macht.
„Das Verrücktsein an sich, das konnte ja nicht so schwer sein“ – und unangenehm ist es auch nicht, nicht für ihn (immerhin impliziert es regelmäßige Mahlzeiten, Gesprächstherapien und alle anderen Vorteile einer psychiatrischen Klinik) und nicht für den Leser, der mit sich spielen lassen kann. Der Wahnsinn gehört Ponninger, die Stimme gehört Grohn, und sie ist laut und überzeugend.
Daniel J. Gall
Daniel Grohn: Kind oder Zwerg. Deutsche Verlags-Anstalt 2006. 317 Seiten. 17,90 Euro.