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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:24

 

Leena Krohn: Stechapfel

21.01.2007


Das Pudding-Universum und weitere Wirklichkeiten


Ein chronischer Angstzustand, weil sie befürchtet, den Zugang zur Welt vollständig zu verlieren, Orientierungslosigkeit und ein zerstörter Körper – dies sind die Ergebnisse einer jahrelangen Beziehung der Ich-Erzählerin zu einer harmlos anmutenden Pflanze, dem Stechapfel.

 

Die Redakteurin, die für „Den Anomalisten“, ein Magazin für übernatürliche Phänomene, Praktiken und Wissenschaften, arbeitet, konsumiert regelmäßig die berauschend wirkenden Samen und Blüten der Datura – angeblich nur, weil es gegen ihr Asthma so gut hilft. Dabei verschwimmen jedoch allmählich Realität und Fantasie.
Sie begegnet merkwürdigen Menschen, zum Beispiel Looganoo, die behauptet ein Vampir zu sein, dem Treptanisten, der sich zur Befreiung der Gedanken Löcher in den Schädel bohrt, und dem Stimmenverschlucker. Zusehends aber muss sie sich nach ihren Begegnungen fragen, ob sie tatsächlich stattgefunden haben oder nur ihrer Fantasiewelt entsprungen sind.
Die Episoden über skurrile Figuren mit ganz verschiedenen Spleens sind angereichert mit philosophischen Fragen wie nach dem Leben, dem Ich, dem Raum und der Zeit. Viele der Menschen, die angeblich interessante Themen für die Redakteurin auf Lager haben, wie die Haarkünstlerin, scheinen nur auf der Suche nach jemandem zu sein, der ihnen zuhört, der ihnen Aufmerksamkeit schenkt und ihre Existenz wahrnimmt.

Verlust des Realitätsbezugs

Während der drei Kapitel des Stechapfels, die mit „Erste Samenkapsel“, „Zweite Samenkapsel“ und „Dritte Samenkapsel“ überschrieben sind, wird auch der Leser immer tiefer in die innere Gedankenwelt der Protagonistin hineingezogen und kann sich nicht mehr sicher sein, ob noch ein Realitätsbezug der geschilderten Erlebisse vorhanden ist.
In einem nützlichen Glossar werden einige wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Begriffe erläutert, für alle Leser, die beispielsweise nicht wussten, dass Treptanation in der Neurochirurgie die operative Öffnung des Schädels bezeichnet.

Das Pudding-Universum

Insgesamt ist der Roman eine leichte, kurzweilige Lektüre, die an einer ihrer schönsten Stellen, einem philosophischen Dialog mit dem Magister Los über die Beschaffenheit der Welt, einen Hauch von Sofies Welt verspüren lässt: „Und wissen Sie, was ich denke? Daß das Universum in gewissem Sinne an Pudding oder Gelee erinnert. [...] jetzt kommt eine Gleichsetzung: Pudding – Geschmack! Welt – Bedeutung! Sie verstehen doch?“
Wenn nicht, sollten sie das erste Buch der finnischen Autorin Leena Krohn lesen. Sie hat bereits mehrere Romane, Kinderbücher und Gedichtbände veröffentlicht. Erschienen ist der Roman im jungen Münchner Blumenbar Verlag, der nicht nur Bücher publiziert, sondern zudem Lesungen, Konzerte und Clubabende organisiert.

Eva-Maria Vogel


Leena Krohn: Stechapfel. Roman. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. Blumenbar Verlag. Gebunden. 223 Seiten. 18,00 Euro.

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