Holger Siemann: Arbeit und Streben
21.01.2007
Es brennt in Görlitz
Ein Roman an der Grenze verspricht Grenzgänge, und wenn es auch nur ganz prosaische Grenzgänge sind an Zöllnern und Grenzbeamten vorbei – Siemann sucht sich für sein Debüt in der Romanform Görlitz als Schauplatz, stellt eine Familiengeschichte auf die Bühne und schafft es beinahe, Plaste und Elaste erotisch zu überhöhen.
Familienleben sind langweilig – wie kann irgendjemand denken, es sei eine gute Idee, ein Familienepos zu schreiben? Ein wenig Liebe, Sex, eine Lage Alkoholsucht, ein Hauch Glücksspiel und mangelhafter Finanzverstand: schon ist das Epos vollendet und bereit, aus den Regalen gerissen zu werden. Natürlich – dieser Vertreter hier hat eine schwere Patina, die der potentiellen Langeweile Trumpfkarten wie historische Tiefe und Schärfe entgegenhält, vielleicht sogar Brisanz. Wenn die aktuellen deutsch-polnischen Ränkespielchen schließlich ungünstig ausgehen, könnte Görlitz ganz schnell auch auf der anderen Seite der Grenze liegen, die es eigentlich nicht mehr gibt, und wenn, dann nur in den Köpfen. Die Grenze ist nicht sichtbar, die Bühne zweisprachig und in ihrer Mitte die Familie Schöne, Inhaber ihres Zeichens einer Plastikfabrik, in der die Dinge über die Runden gebracht werden. Der Mittelpunkt der Geschichte ist gewissermaßen ein monumentaler Kübel mit buntfarbigem Plastikgranulat, das von verschiedenerlei Angehörigen des Maschinenparks zusammengeschmolzen wird in Plastiktrichter. Um dieses knallfarbene Idyll scharen sich drei Generationen und fahren ihre persönlichen Geschichten aus. Da erzählt der greise Patriarch von seiner Inkontinenz, die rebellische Juniorin von ihrer Unlust, ein englisches Internat zu besuchen, und die ganz und gar zentrale Firmenchefin von ihrer Liebesaffäre mit einem trockenen Alkoholiker. Was man halt so erzählen nennt – der allwissende Erzähler der Geschichte gibt sich wirkliche, ernsthafte Mühe, in die Charaktere zu kommen, ihre Gedanken und Gefühle aufzunehmen, aber irgendwo steht ihm dabei andauernd sein bemühter Witz und seine gespielte Lockerheit im Weg. So wird dann zwar eine Vielzahl von Charakteren aufgefahren, die Erzählstimme bleibt aber ausdauernd gleich, eben und nicht sehr abwechslungsreich. Zu diesen Eigenschaften ließe sich noch eine weitere hinzufügen – Vergesslichkeit: es ist keine gute Idee, Erzählstränge anzuarbeiten, fortzuführen, nur um sie dann lieblos in einem Graben versickern und verhungern zu lassen. Das wirkt genauso lieblos, als hätten Siemann und sein Lektor nicht die Zeit gefunden, das Manuskript noch einmal durchzugehen. Ein Beispiel? Und ein fieses noch dazu? Nun der oben schon genannte trockene Alkoholiker ist Trainer der Görlitzer Fußballmannschaft und führt diese hungrige, junge Mannschaft an die Spitze der Regionalliga Nord, ans Tor zur zweiten Liga. So führt der Erzähler den Leser immer mal wieder ins örtliche Stadion, und fast meint man, die bröckelnden Stufen der Stehtribüne unter den Füßen und einen harten Becher Bier in der Hand zu fühlen, doch, oh weh, die Aufstiegshoffnungen zerbröckeln, weil der Erzählstrang nicht beendet wird. Was passiert mit dem Fußballwunder? Es bleibt ein Rätsel.
Eine Art Görlitz-Epos
Was Siemann hier schreibt, ist, man kann es festhalten, kein Ost-West-Epos. Genauer ist es auch kein Ost-Epos – mehr schon eine Art Görlitz-Epos, und die Widmung des Buches an „alle wahren Görlitzer“ zieht einen breiten schwarzen Strich unter dieses Ansinnen. Die Stadt scheint eine geradezu sagenhafte Integrationsfähigkeit zu haben – wer auch immer kommt, bleibt auch, wird zum Görlitzer und nimmt innerhalb von Tagen alle Eigenschaften an, die ein Görlitzer, geht es nach dem Roman, haben muss. Als Siemann dann in letzter Bedrängnis daran geht, sein ziemlich dröges Charakterkarussell aufzufrischen, schickt er eine nicht sprichwörtliche, dafür aber umso buntere südafrikanische Cousine auf die Bretter – ein Cousine, die bis zu ihrer Geschlechtsumwandlung noch ein Cousin war und auch als solcher, nicht als Cousine, erwartet wird. Die Familie Schöne ist nur anfangs geschockt, reiht den südafrikanischen Neuzugang dann aber schnell in die eigene Mitte, so lange bis dieser – diese – das Familienmotto („Arbeit und Streben“) bis ins Tiefste verinnerlicht hat. Diese Leitkultur light Görlitz Style funktioniert einwandfrei. Was kann ich als Wessi und Nicht-Görlitzer mitnehmen? Das Gefühl, das nicht jedes Epos auch eine epische Leserschaft braucht oder einfordert. Ganz und gar langweilig kann man den Roman auch nicht mit irgendeiner Ernsthaftigkeit nennen – am spannendsten, am unmittelbarsten erzählt ist er da, wo er erotisch wird. Das passiert freilich nicht oft (wie auch, wenn die Leute alle arbeiten und streben). Am besten ist er in den raren Momenten, in denen der Erzähler seine dauerironische Maske endlich mal ruhen lässt, einfach mal die Klappe hält und die Charaktere selber sprechen lässt.
Daniel J. Gall
Holger Siemann: Arbeit und Streben. Gebunden. Bertelsmann 2006. 383 Seiten. 19,95 Euro.
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