Truman Capote: Andere Stimmen, andere Räume
28.01.2007
Quälende Widersprüche
Der Narzissmus von Capotes Figuren entsteht aus Wünschen, Phantasien und Träumen, die ins Unendliche streben, dabei aber unmittelbar und vehement mit der Realität konfrontiert und von ihr erstickt werden.
Als Other Voices, Other Rooms erstmals im Jahr 1948 bei Random House in New York erschien, war der Skandal schneller da, als irgendjemand den Roman überhaupt gelesen haben konnte. Und tatsächlich ging es auch gar nicht um die in diesem Buch erzählte Coming-of-age-Geschichte des 13jährigen Noel Knox, der in Alabama seinen Vater sucht, schließlich aber nur den schillernden Reiz einer schwermütigen Erwachsenenwelt findet, gebündelt im Mantra seines erwachsenen und mysteriösen Cousins Randolph: „ Es ist angenehmer im Dunklen.“ Die Aufregung betraf ausschließlich ein auf die Buchrückseite gedrucktes Bild von Truman Capote, das ihn im Alter von 15 Jahren zeigte und das von vielen mit schwuler Koketterie assoziiert oder als laszive Andeutung interpretiert wurde. Die bürgerliche Moral fühlte sich bedroht, und zwar umso mehr, als die Bedrohung von einem Künstler ausging, den sie anfangs einfach nicht verstehen konnte und wollte.
Der kleine Schweizer Verlag Kein & Aber hat vor geraumer Zeit den Fund von Capotes bis dahin als verschollen geglaubtem Romandebüt Sommerdiebe zum Anlass genommen, Capotes Gesamtwerk neu übersetzen zu lassen. Das Ergebnis ist bisher großartig und es wird vermutlich in den nächsten Jahren mit den noch fehlenden sechs Bänden ebenso großartig weiter gehen. Zuletzt erschien eben Andere Stimmen, andere Räume, selbstverständlich mit dem Skandalfoto auf der Rückseite.
Im Buch selbst mischt sich der „lyrische, kindheitsversessene Erzähler“ (Deutschlandradio über das Frühwerk Capotes) mit dem Meister des „Champagner-Realismus“ (Die Zeit/ über den Autor des Gesamtwerkes). Es ist ein für Capote zugleich typischer und untypischer Roman; typisch bei den quälend gut arrangierten Widersprüchen der Topoi: Luxus und Verfall, Lust und Leiden, Manie und Depression, Schönheit und Hass bilden stets untrennbare Einheiten.
Untypisch aber dort, wo jugendliche Selbstverliebtheit, die bei Capote immer auch Selbstverlorenheit ist, alles was wir seit Oscar Wilde und F. Scott Fitzgerald als Narzissmus kannten, weit hinter sich lässt. Der Narzissmus seiner Figuren entsteht aus Wünschen, Phantasien und Träumen, die ins Unendliche streben, dabei aber unmittelbar und vehement mit der Realität konfrontiert und von ihr erstickt werden. Die „Sinnlosigkeit ihrer Wünsche hatte etwas Rührendes“ heißt es an einer Stelle über Noels Freundin Idabel; Noels „Phantasie war zu lebhaft und zu schrecklich“ an einer anderen. Andere Stimmen, andere Räume – dieser Titel bezieht sich in Capotes zweitem Roman auf das Reich der Träume. Die aber sind, wie wir lesen, nie anders als „düster und verloren“.
Maik Söhler
Truman Capote: Andere Stimmen, andere Räume. Aus dem Amerikanischen neu übersetzt von Heidi Zerning. Kein & Aber, Zürich 2006. 256 S., 18,90 Euro