Geht man in Edinburgh oder jeder anderen schottischen Stadt Samstagabend auf die Straße, bietet sich immer wieder ein erstaunliches Bild. Dass Pubertanden bis in die Vierzig sich Wochenende für Wochenende um die eigene Gewaltbereitschaft trinken, würde man noch erwarten; auch wenn der Erfindungsreichtum bei der Alkoholaufnahme, -verarbeitung und -abgabe den Kontinentaleuropäer zu einem ersten defensiven Lächeln hinreißen mag. Wie jedoch ganze Sprengel des Heimatlandes eines John Knox regelmäßig der hormonell bedingten Raserei verfallen und die Innenstädte vorübergehend in Sperrbezirke verwandeln, lässt selbst Ossian-Jünger an den Kelten zweifeln.
Wo der G-String Wintermode ist, haben Nonnen es nicht immer leicht. Denn auch streng katholische Mädchenschulen bilden in Puritanien allenfalls bei den religiösen Ritualen eine Ausnahme. Wenn also, wie im neuen Roman
Die Soprane des jungen Schotten Alan Warner, der Chor einer solchen Schule morgens in die Hauptstadt fährt, um abends an einem Gesangswettbewerb teilzunehmen, sollte üblicherweise genug für ein ganzes Buch passieren. Tageslicht hin oder her, im Königreich curricularer Prüderie muss jeder Freiraum genutzt werden.
Dementsprechend machen Warners Titelheldinnen aus ihrem Tag in Edinburgh nichts als eine einzige blaue Stunde, die sich bekanntlich dadurch auszeichnet, dass sie gültige Regeln zeitweise außer Kraft setzt. Nach einer frühen Busfahrt über die Promillegrenze können Fionnula, Manda, Kylah, (Ra)Chell, Orla und Kay es gar nicht erwarten, aus der Generalprobe und den Schuluniformen rauszukommen und in Schlüpfrigeres zu schlüpfen. Die Machart der mitgebrachten Minikollektionen wird dem mäßig interessierten Leser dabei ebenso detailliert hinterbracht, wie die Zusammensetzung des obligatorischen McDonalds-Brunchs, mit dem die Sängerinnen erste Ausfallerscheinungen in Schach halten.
Danach teilt man sich auf, um den urbanen Sündenpfuhl fortan in drei Schoßtrupps zu durchkämmen. Denn Shoppen und Ficken heißt, fast haben wirs schon vergessen, der jugendliche Hedonismus nach Cobain; und in der Creutzfeldt-Jakob-Variante: Saufen und Saufen. Programmgemäß landen zwei der Mädchen nach einer mehrfach letalen Menge Schnaps im Krankenhaus; der mannstolle Rest lässt sich die Uniformen von einem stotternden Fetischisten klauen, mit dessen Anorak und Plastiktüte der Roman endlich bei der Typologie der Schulmädchen-Reports anlangt. Dass der Sängerstreit im folgenden zum Debakel wird und die Nonnen saurer sind als das Erbrochene, versteht sich. Ebenso, dass für den unterhaltsamen Rest der Nacht trotzdem gesorgt ist, weil im Hafen des Heimatstädtchens ein U-Boot voll räudiger Matrosen auf die Rückkehrerinnen wartet. Da capo also, doch diesmal nur für angemessene 80 Seiten.
Was bis jetzt wie Hanni und Nanni im Nachfeld von Irvine Welsh klingt, ist dennoch ein beachtenswerter Roman. Denn Warner, der selbst aus der schottischen Provinz stammt, kennt sich aus; und wer einmal eine dortige Schule von innen gesehen hat, weiß, dass hinter seinen vermeintlichen Abartigkeiten beißender Realismus steht.
Inmitten der pittoresken Highlands, jener Toskana-Alternative konsummüder Europäer, entwirft er ein Panorama sozialer Verwahrlosung, das sogar den scheinbar entleerten Hass der Schotten auf die südlichen Nachbarn verständlich werden lässt. Der selbstzerstörerische Lebenshunger, der sich auf so brachiale Weise schon bei den Jüngsten seinen Weg bahnt, ist nur zum kleineren Teil der Bigotterie einer verkuschten Gesellschaft geschuldet; wenn die Schülerinnen, deren trostlose Lebenläufe sich einer nach dem anderen enthüllen, ihre Jugend "auslatschen wie ein Lieblingspaar Turnschuhe", dann vor allem deshalb, weil ihnen weder die Gegenwart noch die Zukunft eine Alternative bietet, materiell so wenig wie emotional.
Auffälligstes Korrelat dieser Hoffnungslosigkeit sind die von Warner dargestellten Perversionen, welche zuweilen Züge annehmen, wie man sie vom Kollegen Welsh kennt. Anders jedoch als in dessen letztem Roman handelt es sich in
Die Soprane nicht um nervtötende Fäkaleffekte im Dienste des Magenkitzels. Vielmehr gelingen Warner mit besagten Sequenzen Szenen von herzzerreißender Intensität, etwa, wenn die schwerkranke Orla verzweifelt versucht, sich auf dem Penis eines Komapatienten sitzend zu deflorieren. Würde Derartiges nicht untergehen in den überlangen Gelageberichten - aus dem dicken Buch wäre ein großes geworden.
Von Mathias Tretter
Alan Warner: Die Soprane.
Roman.
Rowohlt Taschenbuch. 26 DM. 350 S.