Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh
12.02.2007
Erst das Ohr, dann der Zeh
Wilhelm Genazino nimmt sich in Mittelmäßiges Heimweh der ernsten Themen Einsamkeit und Entfremdung an und verpackt diese in einen außergewöhnlich komischen Roman.
Vordergründig betrachtet führt Dieter Rotmund, der Protagonist in Wilhelm Genazinos neuem Roman, ein relativ normales Leben. Er arbeitet als Controller in einem Pharmakonzern, hält sich in der Großstadt eine kleine Wohnung, während seine Frau Edith und seine Tochter Sabine in einem Provinzkaff im Schwarzwald leben. Bei einer persönlichen Bestandsaufnahme resümiert Rotmund, dass er fast nur noch arbeite, um zwei Wohnungen zu finanzieren. Diese Form der Wochenendehe führt beinahe zwangsläufig zur Entfremdung des Ehepaars. „Ich mag deine Stimme nicht mehr hören“, macht Edith keinen Hehl aus der zerstörten Beziehung. Als Rotmund dann auch noch erfährt, dass seine Frau ein Verhältnis mit einem Architekten aus dem Nachbardorf hat, ist es vorbei mit dem „Heimweh“.
Die kleinen, für Genazino durchaus typischen Katastrophen nehmen ihren Lauf. Der Autor lässt seine Hauptfigur nicht etwa die soziale Leiter hinabstürzen, sondern er schickt ihn durch eine nicht minder qualvolle Mischung aus Aufstieg und Verlust. Dieter Rotmund wird Finanzdirektor in seinem Unternehmen und leistet sich sogar schicke Maßanzüge. Vorbei sind die Geldsorgen, er muss nicht mehr, wie er es zuvor häufig getan hat, an den Wochenenden aus der Rhein-Neckar-Region (wo die Handlung angesiedelt ist) mit der Bahn in den Schwarzwald „schwarzfahren“. Ab und an trifft er seine Tochter, ansonsten kühlt der Kontakt zu seiner Familie ab.
Die Zerstörung der Familie untermalt Genazino noch mit surrealistischen körperlichen Verlusten. Zunächst fällt Rotmund ein Ohr ab, später verliert er einen Zeh, ohne dass seine Umwelt davon Notiz nimmt. Er fühlt sich nur noch wie ein halber Mensch, vergleicht sein Leben mit dem eines Stallhasen oder eines „ausgepressten Teebeutels“. Er vereinsamt völlig, das Leben rauscht an ihm vorbei. Rotmund ist dabei Zuschauer – so wie in der stimmungsvollen Kneipe, in der ein Fußball-Länderspiel übertragen wird und er sich nicht für das Spiel, sondern ausschließlich für die Reaktionen der Besucher interessiert.
Seit Wilhelm Genazino 2004 mit dem Georg-Büchner-Preis den öffentlichen literarischen Ritterschlag erhalten hat, schreibt er um einiges unbeschwerter, viel lockerer und noch skurriler. Es gelingt ihm, en passant philosophische Sentenzen („Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein.“) in den Erzählfluss einzubetten und neue Wortschöpfungen zu kreieren. Über Rotmunds bemitleidenswerten emotionalen Zustand befindet Genazino, dass er sich bei Edith „fest geliebt“ habe. Ist dies gar eine Fortschreibung des Zustands der „Liebesblödigkeit“? So lautete der Titel des Vorgängerromans von Genazino. Beinahe wie bei Samuel Beckett klingt es, wenn der Protagonist auf die Frage nach seinem Wohlbefinden antwortet: „Ich vereinsame gerade.“
Die Versuche mit Sonja, der Vormieterin seines kleinen Stadt-Appartements, seine Einsamkeit zu kompensieren, verlaufen wenig viel versprechend. Auch gegenüber seiner Arbeitskollegin Katja bewahrt Rotmund Distanz. „Kurz überlege ich, ob jetzt die Katja-Phase meines Lebens beginnt.“ Schnell scheint dies schon wieder vergessen, als Rotmund in der Zeitung liest, dass einem Kind ein Daumen abgefallen ist. Und schon ist er wieder gefangen von den Gedanken an die eigenen Beschädigungen und den familiären Verlust. Trotz des ernsten Themas der Vereinsamung und Entfremdung und trotz der Lethargie, die sich in der Hauptfigur ausbreitet, ist Wilhelm Genazino ein außergewöhnlich komischer, bisweilen sogar humorvoller Roman gelungen. Rotmunds Heimweh war nur mittelmäßig, Genazinos funkelndes Meisterwerk der Ironie ist dagegen großartig.
Peter Mohr
Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh. Roman. Carl Hanser Verlag 2007. 189 Seiten.17,90 Euro.