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Silke Scheuermann: Die Stunde zwischen Wolf und Hund

18.02.2007


Eine Flasche Whisky am Krankenbett

Kühl und spröde wirken weite Passagen dieses Romans, der sich so liest, als wäre er aus einer seltsam entrückten Distanz, aus einer fernen Beobachterposition geschrieben.

 

Als Lyrikerin hat die 33-jährige Silke Scheuermann schon für Furore gesorgt. 2001 bekam sie den Leonce-und-Lena-Preis, und bei Suhrkamp erschienen ihre gefeierten Gedichtbände Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen (2001) und Der zärtlichste Punkt im All (2004). Zwei ungleiche Schwestern stehen im Mittelpunkt ihres nun veröffentlichten Romandebüts. Beide hatten sich auseinander gelebt, kaum noch Kontakt gepflegt, als sie sich unvermittelt in einem Schwimmbad treffen.

„Sie hatte Tränen in den Augen, es war das Gesicht, mit dem sie bekam, was sie wollte. Ich kannte es – ihr Verhandlungsgesicht“, so die namenlose, als Journalistin tätige Ich-Erzählerin über das unerwartete Wiedersehen mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Ines, einst der verhätschelte Liebling des Vaters und später leidlich erfolgreiche Malerin.
Silke Scheuermanns Erzählerin hat augenscheinlich stets unter ihrer älteren Schwester gelitten: unter der ihr widerfahrenen stärkeren Zuneigung des Vaters, deren beruflichen Erfolg und unter Ines' Attraktivität („eine Taille wie eine Sanduhr“).
Doch die Vorzeichen haben sich geändert, die vermeintlich starke Ines ist dem Alkohol verfallen und muss nach einem Sturz im Krankenhaus behandelt werden. Die Protagonistin nimmt bei einem Besuch eine Flasche Whisky mit ans Krankenbett. Die Rache der kleinen Schwester, die Ines' Untergang noch beschleunigen will?

Zwischen den beiden Schwestern findet sich plötzlich Kai wieder. Der Freund von Ines wird zum emotionalen Spielball der konkurrierenden Schwestern. Er widersetzt sich nicht den Avancen der Protagonistin, und es scheint sich eine „klassische“ Dreiecksbeziehung anzubahnen. Doch für die durchtrieben agierende weibliche Hauptfigur ging es nur um den „Sieg“ über Ines' Freund, denn wenig später steigt sie ebenso emotionslos mit einem geschiedenen Arbeitskollegen ins Bett. „Trotz unserer ungeheuren Müdigkeit hielten wir es für angebracht, miteinander zu schlafen.“ So kühl und spröde wie dieser Satz wirken weite Passagen des Romans, der sich liest, als wäre er aus einer seltsam entrückten Distanz, aus einer fernen Beobachterposition geschrieben.

Am Ende lässt es Silke Scheuermann dann bedeutungsschwer durch den Wald raunen. Dort hat sie die (kaum nachvollziehbare) Versöhnung der Geschwister bei einem Spaziergang arrangiert. „Ich gab mich der Hoffnung hin, dieser Wald könnte alles Unheil von uns abwenden“, erklärt die Hauptfigur. Für Ines beginnt jedoch eine ganz schwierige Lebensetappe. Sie befindet sich auf dem Weg in eine Entziehungsklinik. Ein „(Un-)Heil“, das unabwendbar ist.

Peter Mohr


Silke Scheuermann: Die Stunde zwischen Wolf und Hund. Roman. Schöffling 2007. 172 Seiten. 17,90 Euro.

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