Das Spiel mit dem Mythos
Seit mit dem Tod Gottes ein Gründungsstatut der Moderne festgeschrieben wurde, hatten Schreibprojekte gleichzeitig wenig und sehr viel, woran sie sich halten konnten: wenig, weil mit der Entlassung der metaphysischen Vertrauenslehrer bekanntlich allgemeine Orientierungslosigkeit eingesetzt hatte; und viel, wenn nicht zuviel, weil sie sich mehr denn je mit einer Tradition konfrontiert sahen, die wenigstens bis zur Antike zurückreichte. Die Konsequenz der transzendentalen Obdachlosigkeit wie der Ungnade der späten Geburt war die Rückbesinnung auf den Mythos. Ulysses wurde deren meistgefürchtetes Ergebnis.
Nun ist die Moderne, wenn man der Theorie glauben darf, vor geraumer Zeit in eine Phase der Selbstironie übergetreten, die sich um Transzendenz nur insoweit schert, als diese selbst Teil einer konfessionslosen Intertextualität ist. Allen voran die Amerikaner haben hieraus ein kreatives Schreibprogramm entwickelt. Aus dem Rückgriff auf antike Urtexte, die Modernisten wie Joyce und Eliot bisweilen als abendländische Bildungspuzzler erschienen ließ, wurde so das Spiel mit Mythen jeglicher Couleur.
Schwerreicher Paranoiker
Der 1976 verstorbene Milliardär Howard Hughes ist ein solcher Mythos. Einst gefeierter Rekordflieger und Hollywood-Produzent, verschwand der schwerreiche Paranoiker Mitte der Sechzigerjahre ins selbstgewählte, weil vermeintlich keimfreie Exil einer Hotelsuite hoch über Las Vegas, die er bis zu seinem Ende nicht mehr verlassen sollte. Derart tief hat sich in der Folge die Leerstelle Hughes ins amerikanische Kollektivgedächtnis eingegraben, dass auch dessen populärster Archivar, Matt Groening, nicht umhin konnte, ihr eine Folge seiner Simpsons zu widmen. Überlange Fingernägel, Codein-Spritzen und ein Bett als Kommandobrücke scheinen dabei derart allbekannte Mytheme, dass sie nicht nur Kraftwerksbetreiber Barnes als gelben Wiedergänger des geheimnisvollen Tycoons ausweisen konnten. Auch eine weitere, soeben auf deutsch erschienene literarische Umsetzung des Hughes-Stoffs, David Grands Debütroman Louse, bedient sich der, vorsichtig ausgedrückt: speziellen Eigenheiten des Milliardärs, dessen unsichtbare Macht zu Zeiten bis ins Weiße Haus reichte.
Klaustrophobischer Plot
Titelheld Herman Q. Louse ist einer der wenigen, die Zutritt haben zum Heiligsten von Hughes fiktionalem alter ego Herbert Horatio Blackwell: seinem Schlafzimmer. Ganz dem historischen Vorbild entsprechend fristet der seine gezählten Tage vor allem als Organisator der eigenen Verwesung, inmitten von Zeitungen, Kleenextüchern und anderem Unrat, der sich um sein Lager türmt. In dieser Rolle überzieht er seine Untergebenen - Schuldner, die von Inkassogorillas zur Einnahme gedächtnisstörender Mittel gezwungen und somit gefügig gemacht worden sind - mit Aufgaben, deren Undurchschaubarkeit selbst dem Pathopedanten Hughes Ehre gemacht hätte. Louse gehört zu den wenigen Privilegierten, die zuweilen motiviert handeln dürfen; unter anderem obliegt ihm die Injektion des Drogencocktails, von dem der “Exekutive Kontrollpartner” Blackwell abhängig ist.
Auch wenn der Große Bruder sich gleich zu Beginn als Junkie herausstellt - die Überwachung der sogenannten “Zufluchtsstadt G.” funktioniert lückenlos. Von einer Stadt kann im übrigen gar keine Rede sein. Blackwell hat mit G. vielmehr einen gigantischen Gebäudekomplex geschaffen, dessen allmächtiges Kontrollsystem an ein Benthamsches Panopticon erinnert. Der mittlerweile in die Bedeutungslosigkeit zitierte Orwell, den der Klappentext erneut herabbeschwört, scheint hier denn auch viel weniger Pate gestanden zu haben, als die Theoreme eines Michel Foucault: “Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist; die Perfektion der Macht mag ihre tatsächliche Ausübung überflüssig machen.” Tatsächlich wird der Leser an nahezu keiner Stelle Zeuge der Exekutive des Kontrollpartners. In Blackwells vollausgeleuchteter Arche ist Macht gleich Blick, Unterordnung gleich Sichtbarkeit. Dabei bleibt einem bis zum Ende verschlossen, von wem diese Macht eigentlich ausgeht, so dass man deren Schalthebel schließlich unbesetzt vermuten muss.
Spiel mit den Ungewissenheiten
Nicht nur Foucault hätte an derlei Subjektmangel seine Freude gehabt. Grand perfektioniert das Spiel mit den Ungewissheiten derart, dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt, als selbst am scheinbar richtungslosen Geschehen teilzunehmen - und darin unterzugehen. Denn die Amnesie der Hauptfigur wird zur eigenen: Man weiß weder, wem man im Ich-Erzähler folgt, noch, wonach dieser bzw. man selbst überhaupt sucht.
Bei soviel gelingender Postmoderne ist es daher umso unverständlicher, dass Grand seinen Roman mit dem überflüssigen Firnis der Intertextualität ausstattet. Hughes mag ein schillerndes, möglicherweise verkaufsförderndes Thema sein; auf den biographischen Kuriositätenreigen, der dem Roman wie endlos knödelnder Hintergrundpop unterlegt wird, hätte man trotzdem lieber verzichtet. Dazu kommt noch, dass sich das Zitat nicht auf den Mythos Hughes bezieht, wie er im kollektiven Bewusstsein verankert ist, sondern eine bereits fixierte Fassung reproduziert. Zur Polsterung seines klaustrophobischen Plots entnimmt Grand nämlich der Hughes-Biographie Michael Drosnins eine ganze Anzahl drolliger Details, darunter eine umfangreiche Inventarliste von Hughes Andenkenfundus, deren romantechnische Funktion zu den größeren Rätseln des Buches zählt.
Es wäre sicherlich ungerecht, die Erklärung hier nur in der Ästhetik des creative writing zu suchen, deren Schreibschule der Autor entstammt. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, mit Hughes auf ein Stück Romanlego zu beißen, das Grand entweder vergessen oder sich nicht getraut hat zu sublimieren. Ohne diese Arbeit aber schafft der Mythos weder Ordnung noch Spiel - auch wenn er Hughes heißt und Urin sammelt.
Mathias Tretter
David Grand: Louse. Roman. Tropen Verlag. 278 S. 19,80 Euro. ISBN 3-932170-33-4.
Als Taschenbuch: Berliner Taschenbuch Verlag. 9,90 Euro. ISBN3-442-76060-7