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Daniel Woodrell: Tomato Red

19.02.2004


Hillbillig und gut

Woodrells Episoden aus dem Leben des white trash in der Leere des Mittleren Westens entsprechen der Kulisse, auf die er soviel Wert legt. Wie die Ozarks, bleibt sein Roman stets unterhalb der Baumgrenze. Seine Figuren sind halbkaputt, mäßig individualisiert und kriminell Mittelgewichte.

 

Bis sich vor etwas mehr als zwei Monaten die Aufsichtsbeamten von der Richtigkeit der Zahlen überzeugt hatten, nach denen die grellste Demokratie der Welt ihre Präsidentschaft einem Alleinerben ausschüttete, mochte man noch Glauben genug haben, nicht alles zu glauben. Es konnte ja nicht wirklich sein, dass auf einen obskuren Erdnussfarmer als US-Oberhaupt ein alzheimernder Schauspieler gefolgt war, der sich rasselnd den Pershing-Gürtel um die Hüften schnallte. Irgendwo mussten die richtigen Leute sitzen. Reagans Nachfolger Bush - der Erste - hatte doch auch in Yale studiert, und Clinton genauso. Dass dieser wiederum einem Utopos des rothäutigen Namens Little Rock entsprungen sein sollte, reihte sich nur nahtlos ein in die Märchen vom Kiffen ohne Inhalieren, oder, für die Jüngeren, Oralsex ohne Fellieren. Bis vor etwas mehr als zwei Monaten.

Inzwischen glaubt man sogar an Arkansas - und was den Grenzgängern der frontier noch so einfiel: Kansas, Missouri und, mittendrin, die Halbhöhen der Ozarks. Dieser Gebirgszug, dem außer dem archaischen Namen "nicht viel Majestät übrig geblieben ist", bildet die Kulisse der Romane Daniel Woodrells. Sein Ort nirgends heißt West Table/Missouri, seine Figuren sind ausnahmslos hillbillies, auch wenn der Protagonist üblicherweise von außen kommt. Hat man Woodrell gelesen, wünscht man sich für alle tatsächlich ein Nirgendwo, oder zumindest etwas mehr als zwei Monate zurück, als sie und ihr Landstrich noch nicht glaubhaft existierten.

Der soeben erschienene Roman Tomato Red setzt die gemeinen Geschichten über die Ozarker fort. Sammy ist neu in West Table, hat eben in der Hundefutterfabrik angefangen, und sucht Gesellschaft. Doch für jemanden wie ihn bedeutet selbst das Ärger; nicht etwa aus mangelnder Kontaktfreude, sondern weil er zu den Menschen gehört, die "immer wieder ganz bewußt Handlungen begehen, die ihnen keinerlei erkennbaren Vorteil einbringen, sondern ausschließlich schaden." Wo sonst also, als bei einem verbummelten Einbruch sollte er die neunzehnjährige Jamalee mit den tomatenroten Haaren und ihren jüngeren Bruder Jason kennen lernen.

Nachdem sie wider Erwarten der Polizei entkommen sind, wird ihm das Geschwisterpaar in kürzester Zeit zur Ersatzfamilie. Jamalees Mutter Bev, eine "Barbie, die durch zu viel billigen Whiskey und Brathähnchen runtergekommen ist", ihr Geld aber noch immer diskret und sauber verdient, tut das Ihre, um Sammy vorerst bei der Stange zu halten. Schließlich erliegt auch die Tochter dem brachialen Eros des Jungen aus der Hundefutterfabrik, und die Menage á trash ist perfekt.

Dass es so nicht weitergehen kann, weiß sogar der Leser. Jamalee will ja endlich raus aus Venus Holler, dem "miesesten Viertel der Stadt", und nach Hollywood. Ihre Chancen schätzt sie als nicht schlecht ein, ist doch ihr - nebenbei: schwuler - Bruder der hübscheste Ozarker weit und breit. Die Kundinnen des Friseursalons, in dem er arbeitet, reißen sich geradezu darum, ein bisschen Menopause mit ihm zu machen. Kurz: Zumindest Jason hat das Zeug zum Star.
Doch, wie gesagt, wenn die Exponenten der Ziellosigkeit plötzlich nach Zielen greifen, ist die Katastrophe nicht weit: Wenig später findet man einen verwüsteten Golfplatz und, ein paar Tage danach, Jasons Leiche. Aus Jamalees illusionärer Suche nach dem Glück wird unversehens die ganz reale nach dem Mörder. Denn Sheriff William, der Bev aus guter Erinnerung "Zuckerlämmchen" nennt, hat entschieden kein Interesse daran, die Tat aufzuklären.

Man kann es sich denken: Die Ziele ändern sich, die Katastrophe bleibt. So droht die kriminelle Kriminalistik der Hinterbliebenen schon beim ersten Rechercheversuch an Sammys Unkenntnis des Alphabets zu scheitern. Jamalee quengelt und Bev tut beim Leichenbeschauer, was sie kann; doch auch Oralsex mit Fellieren bringt nur das Übliche ans Licht. Schließlich beendet der Autor das fruchtlose Whodunit mit seinem Anfang: keinerlei erkennbarem Vorteil, sondern ausschließlich Schaden.

Woodrells Episoden aus dem Leben des white trash in der Leere des Mittleren Westens entsprechen der Kulisse, auf die er soviel Wert legt. Wie die Ozarks, bleibt sein Roman stets unterhalb der Baumgrenze. Seine Figuren sind halbkaputt, mäßig individualisiert und kriminell Mittelgewichte. Dito alles, was ihnen zustößt. Selbst der Verlust Jasons rührt sie nur im grünen Bereich. So ist es allein der Leser, der angesichts von soviel Ödland ein Schlaglicht des Erhabenen bzw. von dessen Gegenteil erblickt. Solches denken zu können, erhebt ihn über vieles. Trotzdem würde man es lieber nicht glauben.


Mathias Tretter


Daniel Woodrell: Tomato Red. Roman. rowohlt paperback. 191 S. DM 22.

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