Peter Hoeg: Das stille Mädchen
04.03.2007
Kaspers feines Gehör für verborgene Töne
Peter Hoeg, der am 7. Mai seinen 50. Geburtstag feiert, hat mit diesem trotz seines beträchtlichen Umfangs nie langatmigen (und filmreifen) Romans den diffizilen Spagat zwischen Unterhaltung und hohem Anspruch mit spielerischer Bravour gemeistert.
Der später von Bille August kongenial verfilmte und insgesamt über sechs Millionen Mal verkaufte Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee machte Peter Hoeg vor 15 Jahren weltberühmt. 1996 hatte sich der öffentlichkeitsscheue dänische Schriftsteller mit Die Frau und der Affe zuletzt literarisch zu Wort gemeldet. Die lange schöpferische Pause hat sich indes gelohnt, denn der neue Roman Das stille Mädchen wartet mit einem geheimnisvollen Mix aus Thrillerelementen, Gesellschaftskritik und Ausflügen in die Märchenwelt auf.
Der Protagonist Kasper Krone verfügt - analog zu Fräulein Smilla - über eine einzigartige Begabung. Während die tapfere Grönländerin Spuren im Schnee lesen konnte, versteht es Krone, aus Geräuschen Zusammenhänge zu konstruieren, aus der Stimme Gefühlslagen herauszuhören und aus Hintergrundtönen Orte zu bestimmen.
Hoegs Hauptfigur ist Anfang vierzig, war einst ein international bekannter Clown und arbeitete nach seiner Rückkehr nach Dänemark als Musiktherapeut und "hatte er nach zwei Jahren zehn Privatschüler am Tag, genau so viele wie Bach in Leipzig." Dieser Kasper Krone wird von allerlei Geheimnissen eingehüllt; die Staatsgewalt ist ihm auf den Fersen, er soll Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben. Manchmal zieht er sich zur Nachtruhe in einen Pferdestall zurück, die Ruhe suchend - allein mit seiner Geige. Halb Märchenprinz, halb Aussteiger räsoniert er: "Wenn einem nichts mehr weggenommen werden kann, ist man frei."
Als seine neunjährige Schülerin KlaraMaria spurlos verschwindet, mutiert Krone, der es selbst mit den Gesetzen nicht so genau nimmt, zum rasenden Detektiv, zum philanthropischen Gerechtigkeitsfanatiker. Eine lapidare Mitteilung, dass sie nicht mehr zum Unterricht komme und 20000 Kronen waren ihm zugestellt worden. Er wittert eine Entführung, führt anonyme Telefonate, bittet seinen sterbenskranken, einflussreichen Vater Maximillian um Hilfe und schlägt ein ihm offeriertes Stipendium über 40000 Kronen aus, das sich später als Schweigegeld entpuppte.
Verfolgungsjagden und philosophische Grübeleien
Wilde Verfolgungsjagden durch Kopenhagen, bei denen ihm ein behinderter Taxifahrer zur Seite steht, wechseln sich mit philosophischen Grübeleien über Martin Buber, C.G. Jung und Kierkegaard ab, und immer wieder sucht (und findet) Krone eine Art innere Einkehr bei der Musik von Bach. Ganz Kopenhagen scheint in einem tiefen Morast von Kriminalität zu versinken, allenthalben stößt die Hauptfigur auf verschlossene Türen, hinter denen sich schmutzige Geschäfte verbergen. Sein Misstrauen wächst mit jeder Begegnung der vielen Nebenfiguren, ob mit der Kinderpsychiaterin von Hessen, mit der Amtmännin Asta Borello oder mit der berühmten Gynäkologin Lone Bohrfeldt. Beim Besuch der Alternativmedizinerin, die in jungen Jahren in der Pharmaindustrie tätig war, tauchen unvermittelt drei furchterregende Schlägertypen auf.
Bei den Beschreibungen der Frauenfiguren übertreibt Hoeg allerdings bisweilen auch seine Affinität zu skurrilen Vergleichen. Eine Frau ist "blond wie ein Gletscher", eine andere "glich einem Kosaken." Trotzdem stellt sich bei der Lektüre eine nicht zu leugnende Sympathie für den modernen Robin Hood aus Kopenhagen ein. Man leidet mit bei all den Rückschlägen, die er bei der Suche nach dem vermissten Mädchen einstecken muss und bewundert ihn gleichzeitig für seine Hartnäckigkeit und seinen Kampfgeist. Mit der sich selbst gestellten Aufgabe kompensiert Krone allerdings auch seine permanente Einsamkeit.
Peter Hoeg, der am 7. Mai seinen 50. Geburtstag feiert, hat mit diesem trotz seines beträchtlichen Umfangs nie langatmigen (und filmreifen) Romans den diffizilen Spagat zwischen Unterhaltung und hohem Anspruch mit spielerischer Bravour gemeistert. Er versteht es, actiongeladene Verfolgungsjagden mit tiefsinnigen Gedanken über Bach zu untermalen. Am Ende findet Kasper Krone seine Schülerin KlaraMaria wieder, und Peter Hoeg gönnt ihm auch noch ein zweites Glücksgefühl, als er ihn nach einer Begegnung mit Stine resümieren lässt: "Ich habe nie geglaubt, daß eine Frau mich lieben könnte."
Peter Mohr
Peter Hoeg: Das stille Mädchen. Roman. Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Carl Hanser Verlag 2007. 460 Seiten, 24,90 Euro.