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Daniel Pennac: Paradies der Ungeheuer

19.02.2004

 
Die Lebenden vom Père Lachaise

Mit der Neuübersetzung von Daniel Pennacs 1985 erschienenem Roman Paradies der Ungeheuer gibt es jetzt neben Jim Morrison eine weitere Kultfigur, ach was, einen ganzen Multi-Kult, dessentwegen man die Metro in den Pariser Nordosten nehmen sollte: Benjamin Malaussène, seine Familie, seine Freunde und ihr schönes Viertel Belleville.

 

Spätestens seit ihrer Initiation durch Oliver Stones Film The Doors ist der Pariser Friedhof Père Lachaise eine feste Größe in der Kollektiv-Geographie der freien westlichen Jugend. Noch im Kino änderten sich damals Reisepläne: Nach Amsterdam konnte man auch ein anderes Mal; eindeutige Priorität hatten jetzt die Räucherstäbchen für Jim Morrison.

Inzwischen sind dreißig Jahre seit dessen Ableben vergangen, und noch immer kommt kaum jemand wegen der wirklich interessanten Toten zum Père Lachaise; ganz zu schweigen von den Lebenden. Dies allerdings könnte sich bald ändern.

Denn mit der Neuübersetzung von Daniel Pennacs 1985 erschienenem Roman Paradies der Ungeheuer gibt es jetzt eine ganz andere Kultfigur, ach was, einen ganzen Multi-Kult, dessentwegen man die Metro in den Pariser Nordosten nehmen sollte: Benjamin Malaussène, seine Familie, seine Freunde und ihr schönes Viertel Belleville.

"Beim Friedhof Père Lachaise habe ich ein Nutzungsrecht auf ein paar Quadratmeter. In der Rue Folie-Régnault 78.", beschreibt das Familienoberhaupt den Ort, der allein durch seine Bewohner die denkbar größte Antithese zu einer Ruhestätte darstellt. Die Malaussènes leben dort in einem ehemaligen Haushaltswarenladen, der wegen Kinderreichtums zur Wohnung umfunktioniert werden musste. Weil Maman zwar immer schwanger, aber nie zur Stelle ist - genau so wenig wie die zahlreichen Väter -, hat der größte Bruder Benjamin die Rolle des Erziehungsberechtigten übernommen. Der zweite Elternteil wird ersetzt durch - Belleville.

So spiegelt der Kreis der Geschwister den Makrokosmos, den die allpräsente Urmutter, das geliebte Stadtviertel, im Laufe des Jahrhunderts gezeugt hat: Wie zwischen der ewig verliebten Louna, Thérèse, der anämischen Esoterikerin, Clara, der visuell fixierten Lieblingsschwester, Jérémy, dem Rabauken, und dem niedlichen Kleinen, le Petit, zwischen den Söhnen und Töchtern verschiedener Väter also, aus der Differenz eine Identität entsteht, so denkt sich Pennac sein Belleville: als vater(lands)lose und deshalb funktionierende Gemeinschaft multipler Ethnien, Religionen und Sexualitäten.

Mittendrin erleben wir den Ich-Erzähler Benjamin Malaussène, zum Patriarchen berufen und Sündenbock von Beruf. Allein dieses Jobs wegen, dieser so archaischen wie zynischen Tätigkeit in Zeiten des mündigen Kunden, lohnt sich die Lektüre des Romans. Offiziell verantwortlich für die "Technische Kontrolle" der Waren eines großen Kaufhauses, hat Benjamin in Wirklichkeit nichts anderes zu tun, als sich verantwortlich machen zu lassen. Jegliche Reklamation wird nämlich ausschließlich ihm angelastet - von einem Vorgesetzten, der Benjamin jedes Mal derart zur Schnecke macht, dass seine Tränen auch hartgesottene Kunden dazu rühren, ihre Beschwerde zurückzuziehen.

Die lukrative Arbeitsstelle wird ihm jedoch zum Verhängnis, als im Kaufhaus eine Reihe von Bombenanschlägen verübt wird. Sündenbock: natürlich Malaussène, der bei allen Explosionen in der Nähe war. Es beginnt die Suche des Verdächtigen nach dem Täter.

Sein "Stamm", wie er seine Familie nennt, seine schwuler bester Freund Theo und seine fast ebenso guten Freunde aus dem Maghreb helfen ihm dabei (die Ironie ist beabsichtigt: Pennacs race-gender-Bewusstsein hat zuweilen etwas Überkorrektes). Mit ihrer nicht immer förderlichen Unterstützung kommt Benjamin auf die Spur einer Verschwörung, wie sie finsterer kaum vorzustellen ist. Schwester Thérèse sieht Schlimmstes in den Sternen, sein Hund Julius wird gar epileptisch, als er die Verbrechen wittert, die aufzuklären bleiben.

Der magische Realismus der Vorahnungen ist nicht nur für diese Malaussène-Geschichte kennzeichnend. Pennac verschränkt ihn mit einer an Chandlers Philipp Marlowe erinnernden Ich-Perspektive, die den Leser der gleichen Orientierungslosigkeit aussetzt wie den im Halbdunkel tappenden Erzähler. Die narrativen Überraschungen, mit denen er dabei immer wieder aufwartet, sind ein reines Vergnügen. Die Dialoge, die sie verklammern, ebenso. Und das alles, was will man mehr, erzeugt eine Spannung, die sich bis drei Seiten vor Schluss erhält.

Wenn es bei Pennac überhaupt ein Problem gibt, liegt es in der Wiederholung. Denn Paradies der Ungeheuer ist nur das erste von mittlerweile sechs Büchern über die Malaussènes (von denen vier auf deutsch vorliegen) - und es macht süchtig. Die Folgen sind die üblichen: So einfallsreich Pennacs erzählerische und sprachliche Wendungen sind, selbst sie müssen sich irgendwann ähneln. Mehr als drei Malaussène-Romane sollte man daher nicht hintereinander lesen; auch weil man des pädagogischen Impetus, mit dem der Autor die Apotheose Bellevilles und seiner Hybridkulturen betreibt, überdrüssig wird. Wer aber ohnehin nur Zeit für ein Buch findet, kommt an Paradies der Ungeheuer, dem ersten und besten der Sippengemälde, nicht vorbei.

Textauszug:
Vergeblich versucht die Kundin, Lehmann zu unterbrechen, der mitleidlos meinen künftigen Lebensweg entwirft. Nicht gerade rosig. Noch zwei, drei miserable Jobs und erneute Entlassungen, schließlich Dauerarbeitslosigkeit. Obdachlosenasyl und am Ende ein anonymes Armenbegräbnis. Als die Kundin ihre Augen wieder auf mich richtet, laufen mir die Tränen herunter. Lehmann hebt nicht die Stimme. Er treibt systematisch den Stachel ins Fleisch.

Was ich nun in den Augen der Kundin sehe, überrascht mich nicht. Ich sehe darin sie. Ich brauchte nur loszuheulen, damit sie sich an meine Stelle versetzte. Mitgefühl. Als Lehmann einmal Luft holt, gelingt es ihr endlich, ihn zu unterbrechen. Rückzieher auf der ganzen Linie. Sie wird keine Schadensersatzansprüche erheben.


Mathias Tretter


Daniel Pennac: Paradies der Ungeheuer. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 284 S. 19,90 DM. ISBN 3-462-03019-1

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